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landwirtschaft : Großbetriebe verspekulierten sich

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Geschäftsführer des Bauernbundes nimmt die Kritik an der Massentierhaltung ernst

Zwei bäuerliche Standesorganisationen gibt es in Brandenburg: Den Bauernverband und den Bauernbund. Letzterer vertritt vor allem mittelständische Familienbetriebe und hat in der Debatte um die Massentierhaltung eine eigene Position. Benjamin Lassiwe sprach mit dessen Geschäftsführer Reinhard Jung.

Herr Jung, wo steht die Brandenburger Landwirtschaft im Jahr 2016?
Reinhard Jung: Die ökonomischen Aussichten sind nicht berauschend, aber unsere bäuerlichen Familienbetriebe sind stabil. Wenn jemand die Marktschwankungen, die wir im Moment erleben, wegstecken kann, dann unsere Betriebe. Der eine oder andere Spekulant dagegen wird ins Schlingern kommen.
Wie steht es um die Sanktionen Russlands und die Folgen? Exportieren Familienbetriebe nach Russland?
Wir halten nicht viel von der Embargopolitik gegen Russland. Die Gegensanktionen schaden der deutschen Landwirtschaft. Aber die Ausrichtung auf Exportmärkte und der Glaube an unbegrenztes Wachstum waren immer falsch. Viele Betriebe, vor allem in Nordwestdeutschland, haben in diesem Irrglauben ihre Milcherzeugung gewaltig ausgedehnt, riesige Kredite aufgenommen. Das bricht ihnen jetzt das Genick. Wir erleben zum ersten Mal, dass Betriebe aufhören müssen, weil sie ungesund gewachsen sind.
Ist das Problem in der Milchwirtschaft also hausgemacht?
Natürlich, wir haben ein Überangebot. Der Milchpräsident des Bauernverbandes Udo Folgart hat immer den Eindruck vermittelt, als müsse die Milchquote weg, weil die ganze Welt nur auf deutsche Milch warten würde. Deshalb haben doch so viele ihre Kapazitäten ausgebaut. Für diese angeblich zukunftsfähigen Betriebe fordert der Bauernverband nun Liquiditätshilfen. Das lehnen wir ab. Zukunftsfähig ist man nicht, wenn man 500 Kühe melkt, sondern wenn man seine Rechnungen bezahlen kann.
Was muss im Milchmarkt geschehen?
Wir fordern einen Passus im Agrarmarktstrukturgesetz, der vorschreibt, dass in Milchlieferverträgen nicht nur Zeitraum und Menge festgelegt werden, sondern auch der Preis. Die derzeitige Praxis, dass der Preis nachträglich von der Molkerei festgelegt wird, wälzt das Marktrisiko komplett auf den Erzeuger ab. Wir wollen faire Rahmenbedingungen – den Rest regelt schon der Markt.
Wie sehen Sie die Debatte um die Massentierhaltung?
Wir Landwirte wissen selber am besten, wie wir mit unseren Tieren umgehen. Aber wir nehmen die Kritik an Großmastanlagen ernst und streben deshalb eine Änderung des Baugesetzbuchs an. Wo heute schon bei Stallanlagen für mehr als 3000 Schweine oder 85 000 Hähnchen eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben ist, sollte künftig auch ein Bebauungsplan aufgestellt werden müssen. Da sollten die Kommunen ein Mitspracherecht erhalten. Das ist für uns der entscheidende Ansatz.
Warum?
Weil man niemandem mehr erklären kann, dass für ein Wohngebiet mit zehn Häusern ein Bebauungsplan nötig ist und für Stallanlagen mit dem Fress- und Scheissvolumen einer Kleinstadt nicht. Sehr viele Tiere an einem Standort sind mit Belastungen für die Anwohner verbunden. Da hilft es auch nicht weiter, wenn der Bauernverband irgendwelche hilflosen Tierwohl-Kampagnen startet. Wenn man sich immer wieder weigert, über gesellschaftlich akzeptierte Größenordnungen zu reden, richtet sich der Unmut über solche Anlagen am Ende gegen alle Tierhalter. Das schadet dem Berufsstand.

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