Theater in der tiefsten Provinz : Grenzpfahl, Deich, Bühne

Thomas Rühmann (l) und Tobias Morgenstern vom Theater am Rand.
Thomas Rühmann (l) und Tobias Morgenstern vom Theater am Rand.

„Theater am Rand“ wird 20 – was steckt dahinter, dass jedes Jahr 25 000 Zuschauer die Ergebnisse sehen wollen?

svz.de von
12. Mai 2018, 05:00 Uhr

Zollbrücke Wenn im „Theater am Rand“ Vorstellungen laufen, platzt das Sackgassen-Dörfchen Zollbrücke (Märkisch-Oderland) aus allen Nähten. Straßen und Einfahrten des 30-Seelen-Ortes sind zugeparkt, überall tummeln sich Ausflügler, von der eigentlichen Beschaulichkeit des Oderbruchs ist nichts mehr zu spüren. Spätestens bei diesem Anblick wird klar: Das vor 20 Jahren von Akkordeonist Tobias Morgenstern und Schauspieler Thomas Rühmann („In aller Freundschaft“) gegründete Theater ist schon lange kein Geheimtipp mehr. An diesem Sonntag (14.00 Uhr) wird das Jubiläum mit Anekdoten aus zwei Jahrzehnten gefeiert.

Die gute Resonanz freut die beiden Künstler, die einst im Wohnzimmer von Morgensterns Häuschen hinter dem Oderdeich zu spielen begannen - vor zehn Freunden. „Wir haben inzwischen gefühlt 15 Stücke im Repertoire. Zu denen kommen die Besucher tatsächlich mehrfach“, erzählt Schauspieler Rühmann. In den vergangenen 20 Jahren habe es nur eine Inszenierung gegeben, die beim Publikum nicht ankam. „Da war der Text wohl zu sperrig“, vermutet der 63-Jährige.

Rühmann ist in dieser besonderen Theaterform aus Erzählung und Musik, die beide für sich gefunden haben, verantwortlich für die zumeist abenteuerlichen Geschichten. Denn hier kommen keine fertigen Theaterstücke auf die Bühne. Rühmann lässt sich vielmehr von Romanen inspirieren und setzt diese dramaturgisch geschickt um. Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ ist inzwischen ein Klassiker im „Theater am Rand“, ebenso wie „Dshamilja“ nach Tschingis Aitmatow.

Musiker Morgenstern arrangiert die Klänge, die ebenfalls die Geschichte erzählen. Nicht nur das Akkordeon gehört zu seinen bevorzugten Instrumenten. Der Künstler, der auch Filmmusik komponiert, beherrscht auch Ungewöhnliches wie das Alphorn. Und der 57-Jährige kann bei Bedarf sogar gekonnt jodeln, wie im Stück „Ein ganzes Leben“ nach Robert Seethaler. „Wir wollten schon immer mal etwas machen, was in den Bergen spielt, gerade hier, im platten Oderbruch“, erzählt Rühmann mit spitzbübischen Lächeln, das Zuschauer von „In aller Freundschaft“ - Rühmann spielt den Mediziner Roland Heilmann - gut kennen.

Die besondere Landschaft mit dem satten Grün bis zum Horizont in der Brandenburger Provinz hat es ihnen angetan. Beide nutzen gern als Kulisse mit frischem Wind, quakenden Fröschen und malerischem Sonnenuntergang. Dann werden die Seitenwände der eigenwilligen, 200 Zuschauer fassenden Theater-Holzkonstruktion zurückgeklappt, an der Morgenstern jahrelang knobelte und baute. Und weil sie das Oderbruch lieben, sind beide schon mehrfach demonstrativ mit Zug und Fahrrad angereist - 20 Kilometer strampeln sie dann aus Bad Freienwalde an den östlichen Rand Brandenburgs, hoffen auf ihre Vorbildwirkung. „Das Theater ist ja nicht umsonst hier draußen. Die Zuschauer sollen die Landschaft genießen und etwas länger als nur für eine Vorstellung verweilen“, sagt Rühmann.

Mehr „Fingerspitzengefühl“ von den Theatermachern und Besuchern wünscht sich Karsten Birkholz, Amtsdirektor des Amtes Barnim-Oderbruch. „Es ist zwar erfreulich, das das Theater so ein Touristenmagnet geworden ist. Zollbrücke ist diesem Ansturm allerdings längst nicht mehr gewachsen“, mahnt er. „Die Leute suchen gezielt nach Kultur in der Natur“, sagt Ellen Rußig, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree.

Sie wünscht sich künftig eine engere Kooperation mit den Theatermachern. Was das touristische Netzwerk betreffe, habe gerade das Oderbruch noch Nachholebedarf, sagt sie.

Etwa 130 Vorstellungen mit etwa 25 000 Besuchern gibt es pro Jahr im „Theater am Rand“, das inzwischen knapp 20 Mitarbeiter hinter der Bühne zählt. Gut die Hälfte der Auftritte machen Rühmann und Morgenstern selbst. Unterstützt werden sie von einem festen Stamm an Künstlerkollegen wie Ursula Karusseit oder Herrmann Beyer. „Wir haben aber auch Interesse an jungen Künstlern, die für sich hier ein Zuhause entdecken“, gibt Rühmann einen Ausblick für die nächsten Jahre. Platz sei für neue Ideen und eine ganz andere Art der Inszenierung als die bisher praktizierte. „Wir wünschen uns szenisches Spiel, planen bereits ein Stück, das auf dem gesamten Theatergelände spielt“, deutet er an.

Und erstmals kooperiert das „Theater am Rand“ mit einer anderen Bühne: Im September hat das Stück „Unter Wasser“ Premiere, eine Zusammenarbeit mit dem Jugendtheater der Uckermärkischen Bühnen Schwedt. Dafür werden Rühmann und Morgenstern, seit 2015 Träger des Verdienstordens des Landes Brandenburg, erstmals in ihrer 20-jährigen Zusammenarbeit vom Brandenburger Kulturministerium gefördert.

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