Weltkriegsmunition im Oderbruch : Granaten in Baumwurzeln

Dieses Schild  steht neben einer Straße in Dolgelin
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Dieses Schild steht neben einer Straße in Dolgelin

In Abständen scheint der Krieg ins Oderbruch zurückzukehren: Dann explodiert und kracht es fast wie vor gut 60 Jahren. Immerhin dient das aber heute einem guten Zweck

svz.de von
20. Juni 2016, 12:00 Uhr

Dolgelins Bewohner haben unruhige Wochen hinter sich. Immer wieder zerriss ohrenbetäubender Lärm die dörfliche Idylle. „Wir mussten nicht mehr transportfähige Granaten und andere Artilleriemunition mit maroden Zündern an Ort und Stelle sprengen“, erklärt Matthias Metke, Truppführer des Brandenburger Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Gefunden wurde der explosive Kriegsschrott an der nur zweieinhalb Kilometer langen Verbindungsstraße zwischen Dolgelin und Lietzen im Oderbruch.„Wir wollen die Straßenbankette erneuern, um einen besseren Abfluss des Regenwassers zu ermöglichen“, sagt Jürgen Hundertmark von der Bauverwaltung des Landkreises Märkisch-Oderland. Voher jedoch müssen Munitionsberger eine sogenannte Freiheitsbescheinigung ausstellen.

Bei ersten Probesondierungen mit dem Metalldetektor stieß Metke auf eine hohe „Kampfmittel-Belastung“ - die Bauarbeiten stoppten, bevor sie richtig losgingen. Dass er dort Weltkriegsmunition finden würde, war dem erfahrenen Experten klar: „In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges gehörte Dolgelin zum Hauptkampfgebiet in der Schlacht um die Seelower Höhen.“ Militärhistoriker Gerd-Ulrich Herrmann bestätigt: „Als am 16. April 1945 die Schlacht um die Seelower Höhen begann, befand sich in Höhe Dolgelin der zweite Verteidigungsstreifen der Wehrmacht. Es gab zwei Tage lang massive Artilleriekämpfe, bis die Rote Armee durchbrach.“

Zehntausende Soldaten und Zivilisten kamen bei den erbitterten Kämpfen ums Leben. Knapp vier Jahre nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) standen Moskaus Streitkräfte damals kurz vor Berlin.

Die Menge der Funde auf knapp 30 000 Quadratmetern hat Metke trotz der bekannten Gefechte überrascht. Fast 5 000 Stück Munition von der kleinsten Patronenhülse bis hin zur Panzerfaust mit einem Gesamtgewicht von mehr als einer Tonne wurden aus dem Boden geholt; dazu zwei weitere Tonnen Munitionsschrott, unter anderem massive Panzerteile. „Granaten unterschiedlichen Kalibers waren teilweise in Baumwurzeln eingewachsen.“ Für die Dolgeliner ist die explosive Gefahr aber längst nicht vorbei.

So soll noch ein weiterer Abschnitt im Ort – zwischen der Bundesstraße 167 und der Feuerwehr – abgesucht werden. Dass die Munitionsberger auch dort fündig werden, ist für Anwohner Heinz Nagler sicher. „Das Dorf war voller Bombentrichter. Sogar im Schlafzimmer meiner Eltern lag eine Bombe“, erinnert sich der Zeitzeuge. Er war 14 Jahre alt war, als die zuvor in Sicherheit gebrachten Einwohner kurz nach Kriegsende 1945 wieder in den Ort zurückkehrten.

Munitionsberger haben in den vergangenen Jahren bereits Bomben vom Sportplatz, angrenzenden Feldern und direkt im Dorf geborgen - jede 100 bis 150 Kilogramm schwer. Seit der Wende kam der Kampfmittelräumdienst laut Metke mehr als drei Dutzend Mal in Dolgelin zum Einsatz.

Hundertmark ist froh, dass das Land Brandenburg die Kosten für die Munitionsbergung an der Straße und im Ort übernimmt: „Wir als Landkreis hätten das gar nicht finanzieren können.“ Genaue Auskünfte über die Kosten gibt es nach Angaben des Potsdamer Innenministeriums nicht. „Zu den Einzelmaßnahmen wird keine Statistik geführt“, sagt ein Sprecher. An einen „grundhaften Ausbau“ der Straße will er lieber nicht denken - da müssten die Munitionsberger erneut ran.„Überall wo Trichter von Bomben oder Granaten waren, wurden die Reste des Krieges 1945 verscharrt, auch in der damals noch gepflasterten Straße“, erklärt Metke und zeigt auf die Feldsteinschicht unter dem Bitumenbelag. Das explosive Weltkriegserbe werde Bewohner und Behörden noch Jahrzehnte beschäftigen. „Die alteingesessenen Oderbrücher sind sich dessen bewusst. Zugezogene hingegen sind überrascht, was sie da im Grund und Boden quasi mitgekauft haben.“

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