Unheilvolle Liaison vor 80 Jahren : Golzow statt Wolfsburg

 Eingang des einstigen Golzower Rittergutes.
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Eingang des einstigen Golzower Rittergutes.

Vor 80 Jahren erhielt Graf Günther von der Schulenburg das Rittergut im Tausch gegen die Bauflächen für die Volkswagen-Werke

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24. Mai 2017, 05:00 Uhr

Volkswagen und Golzow? Wolfsburg und Oderbruch? Kaum jemand wird ad hoc eine Beziehung zwischen dem Autokonzern aus Niedersachsen und der Region in Ostbrandenburg herstellen. Golzow ist eher bekannt durch die Langzeitdokumentation der „Kinder von Golzow“ und als Sitz eines der größten Landwirtschaftskonzerne Europas, der „Odega“. Doch die Unkenntnis ist nicht zufällig. Weder in Ost noch in West erinnert man gern an die Ereignisse vor 80 Jahren.

Als Adolf Hitler am 8.  März 1934 bei  der Eröffnung der 24. Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung in Berlin den Bau eines Wagens für breite Schichten der Bevölkerung forderte, war Heinrich Wertheimer bereits dabei, die Koffer zu packen. Der jüdische Kaufmann, der vor 100 Jahren im Oderbruch das Rittergut Golzow erworben hatte, wusste, dass er als Jude für Hitlers „Volkswagen“ nicht als Kunde gemeint war. Wertheimer verkaufte, was er besaß, und floh vor den Nazis nach England, in die Grafschaft Yorkshire.

Hitler schwebte die Konstruktion eines Autos vor, das als „autobahnfest“ eine Dauergeschwindigkeit von 100 Kilometern in der Stunde halten konnte, sparsam im Verbrauch war und vor allem unter 1000 Reichsmark kostete. Er beauftragt die Deutsche Arbeitsfront (DAF) mit dem Bau der größten Automobilfabrik Europas. Vor 80 Jahren, am 28. Mai 1937, wurde unter der Aufsicht der DAF die Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH gegründet. Ihr erstes und einziges Produkt sollte der „KdF-Wagen“ werden – KdF stand für die NS-Organisation „Kraft durch Freude“.

Im selben Jahr wurde die Industrieansiedlung auf der grünen Wiese vorbereitet. Das kleine Dorf Fallersleben, Heimat des 1798 geborenen Heinrich Hoffmann, Dichter der deutschen Nationalhymne, wurde als Standort gewählt. Ende 1937 lebten in dem Gebiet gerade 857 Einwohner. In 18 Monaten entstand – nach dem Vorbild von Fords Detroiter River-Rouge-Werk – die gigantische VW-Auto- und Rüstungsfabrik.

Das Werksareal gehörte der Familie von der Schulenburg auf Schloss Wolfsburg. Ihr Grund und Boden von etwa 2000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche wurde zum Aufbau von Stadt und Werk benötigt und enteignet.

Familienoberhaupt Günther Graf von der Schulenburg wurde aber mit dem von Wert-heimer verkauften Rittergut Golzow und einem Gut in Mecklenburg entschädigt. An die Länge des Umzugskonvois nach Golzow erinnert sich später dessen Sohn Günzel von der Schulenburg: „Er war über 900 Meter lang und beinhaltete alles, was unser mobiles Eigentum ausmachte.“

Das Rittergut Golzow sucht man heute vergeblich. Das Herrenhaus wurde im Krieg zerstört. Jetzt gibt es dort ein Rondell. Geprägt wurde die Gutsanlage etwa 100 Jahre lang von der Familie Rehfeld, die von 1815 an dort ansässig war. Gut, Dorf und Kirche bildeten eine Einheit auf Grundlage persönlicher Abhängigkeiten. Zunehmend aber wurden daraus Warenbeziehungen, das Gut zum verarbeitenden Unternehmen.

Am 2. April 1917 kaufte Heinrich Wertheimer, jüdischer Kaufmann aus Mannheim, das Rittergut. 1916 hatte er bereits das Gut Altranft erworben, es aber noch im selben Jahr an seinen Freund Carl Eschenbach weiterverkauft. Die Landwirtschaft leitete der Inspektor.

Das Verhältnis zwischen Gutsarbeitern und jüdischer Herrschaft war nicht immer das beste. Am 1. Mai 1921 gab es einen Streik der Gutsarbeiter, die im Landarbeiterverband organisiert waren. Benachbarte Großbauern halfen dem Gutsherrn aber aus, und die Arbeiter gingen, aus Angst vor Entlassung, nach und nach wieder an ihre Arbeit.

1928 hatte das Gut 967 Hektar. Speicher, Schrotmühle, Brennerei, Schmiede, Gärtnerei und Zuckerfabrik gehörten dazu. Bis Wertheimer mit Beginn der Naziherrschaft nach England floh. Über seinen Bevollmächtigten Sally Cramer verkaufte er 1933 und 1934 seine Golzower Besitztümer an den Kreis Lebus und die Siedlungsgesellschaft „Eigene Scholle“. 871 Hektar wechselten zum Beispiel für 2,85 Millionen Reichsmark den Besitzer.

Die „KdF-Wagen-Werke“ indessen, wie sie die Nazipropaganda nannte, wurden von eingezogenem Gewerkschaftsvermögen finanziert und den Einzahlungen künftiger Autobesitzer, die mit Fünf-Mark-Marken auf den von Ferdinand Porsche entwickelten Wagen sparten. Doch die meisten sahen „ihr“ Auto nur noch als Soldaten in Form von Kübelwagen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Volkswagenwerk auf die Produktion von Rüstungsgütern umgestellt. Das organisierte vor allem Porsches Schwiegersohn, Anton Piëch.

Auch das Rittergut Golzow wurde in die Kriegswirtschaft einbezogen. 60 polnische Kriegsgefangene wurden im Oktober 1939 dort einquartiert. Von Kielmansegg, Verwandtschaft der Schulenburgs, hieß die Herrschaft, die bis zum Kriegsende im Schloss wohnte. Sie war zum Schutz vor Bombardierungen auf das Gut ihrer Verwandten gekommen. Bis auch Golzow nahezu komplett zerstört und das Gut im Spätsommer 1945 im Zuge der Bodenreform aufgeteilt wurde.  

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