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Sturzprävention : Gleichgewicht und Selbstvertrauen

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Knapp ein Drittel aller Senioren ab 65 Jahren stürzt mindestens einmal im Jahr, zur Vorbeugung läuft ein Projekt im Landkreis Märkisch-Oderland.

svz.de von
erstellt am 02.Nov.2017 | 05:00 Uhr

„Die Schultern schön nach hinten ziehen und die Füße bis an den Po“, sagt Trainer Jan Krüger und zehn ältere Damen in Sportbekleidung und Turnschuhen tun es ihm nach. Im Hintergrund des Feuerwehrhauses in Gusow (Märkisch-Oderland) läuft Schlagermusik, im Takt dazu werden Tennisbälle durch die Beine geschlängelt, Arme in die Höhe gestreckt und sogar Tanzschritte geübt. Die Gesichter röten sich zunehmend, erste Schweißperlen sammeln sich auf der Stirn. Dennoch halten die betagten Sportlerinnen im Alter zwischen 75 und 88 Jahren eine Stunde eisern durch.

Denn sie wissen, wofür sie sich einmal wöchentlich so quälen. „Das sieht so einfach aus, ist es aber meist nicht“, sagt Erika Schulz. Sie fühlt sich mittlerweile beweglicher, hat kaum noch Probleme mit dem Gleichgewicht und auch wieder mehr Kraft verspürt, wie sie berichtet. Seit einem Jahr macht die 78-Jährige im Kurs „Ambulante Sturzprävention“ mit und möchte das Training nicht missen. „Gestürzt bin ich noch nie, aber ich beuge ja auch vor“, sagt sie.

Elli Fischkow hingegen, mit 88 Jahren älteste Sportlerin in der Runde, hat diese böse Erfahrung vor drei Jahren schon machen müssen. „Ich bin in der Wohnung ins Straucheln gekommen und dann war der Oberschenkelhals gebrochen“, erzählt sie. Inzwischen habe sie ein besseres Körpergefühl bekommen, stehe wieder sicherer auf den Beinen und auch mit der Konzentration laufe es besser, erzählt die Seniorin.

„Wir trainieren in den Bereichen Kraft, Balance, Koordination und auch Gedächtnis“, erläutert Übungsleiter Krüger vom Kreissportbund (KSB) Märkisch-Oderland. Dort war das inzwischen mehrfach preisgekrönte Projekt „Sturzprävention im Alter“ vor mehr als zwei Jahren entstanden. „Angesichts des demografischen Wandels wollten wir etwas für Senioren auf dem Lande anbieten, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in Sportvereinen trainieren. Sie sollen mobil bleiben, um möglichst lange selbstständig zu Hause leben zu können“, erzählt Geschäftsführerin Manja Lindner. Nach ihren Worten macht das Projekt inzwischen Schule. Auch im Havelland, im Raum Potsdam und in Fürstenwalde (Oder-Spree) gebe es erste Kurse zur Sturzprävention.

Los ging das Projekt in Märkisch-Oderland mit einer Seniorengruppe in Letschin, inzwischen sind es in dem Landkreis 35 Gruppen in 17 Orten, berichtet Lindner. Warum überwiegend Frauen, Männer hingegen kaum daran teilnehmen, dafür hat sie keine Erklärung. „Alles, was irgendwie in Richtung Gymnastik geht, ist einfach unmännlich“, vermutet hingegen Steffen Hampel, Leiter des Kreisgesundheitsamtes Märkisch-Oderland.

Damit die Kurse für die älteren Bürger kostenlos bleiben, suchte sich der KSB Partner – die Krankenkasse AOK Nordost, die ein ähnliches Programm bereits seit 2010 anbietet, die Sparkasse Märkisch-Oderland und das Kreisgesundheitsamt. Die große Resonanz bei den Senioren hat überrascht, sagt Lindner. „Es hat sich offensichtlich schnell herumgesprochen, dass die Übungen helfen.“

Es gebe tatsächlich einen großen Bedarf. Im Moment könnten gar nicht alle Anfragen befriedigt werden, bestätigt der Leiter des Kreisgesundheitsamtes. In Zahlen messbar sei der Erfolg der präventiven Kurse zwar nicht, sagt er. „Aber wer da regelmäßig mitmacht, hat ein deutlich geringeres Risiko zu stürzen.“ Zudem würden die Senioren beweisen, dass regelmäßiges Training auch einen Kraftzuwachs bringe. „Es geht nicht nur bergab im Alter, wenn man gezielt etwas tut“, meint der Mediziner.

Wichtig seien die Kurse auch für das Selbstvertrauen der Teilnehmer, ergänzt Olaf Görg, Niederlassungsleiter der AOK Nordost in Märkisch-Oderland. „Eine Folge von Stürzen ist auch die Angst, erneut hinzufallen. Auch der wird vorgebeugt.“ Zudem würden die älteren Sportler über Gefahren im Haushalt – typische Stolperfallen – sowie Maßnahmen zur Sturzvermeidung informiert.

Gesundheitsamtschef Hampel lobt in diesem Zusammenhang das Engagement der zwölf Übungsleiter. „Die sprechen einfach die richtige Sprache, um die betagten Sportler immer wieder aufs Neue zu motivieren.“ Die Trainer seien tatsächlich der Erfolgsfaktor, bestätigt Lindner. „Sie nehmen sich Zeit und schaffen ein Vertrauensverhältnis.“ So wie Übungsleiter Jan Krüger. Der 28-Jährige arbeitet auch mit Kindern in Kita oder Schulhort. „Meine älteren Sportlerinnen sind aber viel motivierter und die Fortschritte deutlich sichtbar“, schätzt er ein. Nicht zu vergessen sei der soziale Aspekt des wöchentlichen Trainings. „Viele Senioren sind alleinstehend, kommen sonst nie groß unter Leute“, sagt Krüger. Deswegen gibt es nach dem Training im Gusower Feuerwehrhaus immer noch ein gemütliches Schwätzchen bei Kaffee und Kuchen. Da kommt auch der Trainer nicht drum herum.

 

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