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Gerber: Sachargumente kommen zu kurz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburgs Wirtschaftsminister im Interview zum Kohleabbau und der Energiewende

Vor einer Woche eskalierte der Streit um die Kohle: Demonstranten besetzten einen Tagebau und das Kraftwerk Schwarze Pumpe. Wie soll es jetzt in der Lausitz weitergehen? Benjamin Lassiwe sprach dazu mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber.

Minister Gerber, wie sehen Sie die Proteste in der Lausitz nach einer Woche?
Albrecht Gerber: Wir haben am Pfingstwochenende gesehen, dass ein importierter Protest stattgefunden hat, der in nicht geringen Teilen in Rechtsbruch und Unfrieden ausgeartet ist. Der zuvor geplante Versuch, das Kraftwerk still zu legen, war ein absolutes Unding. Dadurch wurden Menschen in Gefahr gebracht. Damit haben diese Leute der Lausitz und sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Zudem hat es gezeigt, dass wir keine vernünftige und faktenbasierte Debatte führen – stattdessen ist Ideologie und politische Tendenz im Spiel.

Im Moment wird sehr viel über die Form der Proteste disktuiert, weniger über die Inhalte...
Ja, die Sachargumente kommen in der aktuellen Debatte über den Umbau unserer Energieversorgung noch immer viel zu kurz. Bislang können wir in Deutschland nur 13 Prozent unseres Endenergieverbrauchs aus Erneuerbaren decken. Davon sind nur 1,2 Prozent Windkraft. Am schlechtesten Tag 2014 haben die Erneuerbaren nur 0,15 Prozent ihrer installierten Leistung ins Netz gebracht. Wir sind erst am Anfang der Energiewende.

Die SPD hat die Braunkohle immer als Brückentechnologie bezeichnet. Welchen Effekt hat der EPH-Einstieg, bleibt die Brücke gleich lang, oder werden neue Brückenteile hinzugefügt?
EPH hat die Energiewende für sich analysiert. Und sie gehen davon aus, dass Deutschland mehr Zeit brauchen wird, um sie zum Erfolg zu bringen. Und dass man deswegen länger auf die Braunkohle angewiesen sein wird. Ich teile diese Einschätzung. Die größten Herausforderungen der Energiewende bestehen doch nicht allein im Ausbau etwa der Wind- oder Solarenergieerzeugung. In erster Linie hinkt der Netzausbau gewaltig hinterher. Und wir müssen dringend die Speichertechnologien voranbringen.

Das heißt , die Braunkohle in der Lausitz wird länger gebraucht?
Ich sage Ihnen jetzt keine Jahreszahl. Das hielte ich auch für unseriös. Gegenwärtig haben wir volatile, nicht zuverlässige Einspeisungen aus Wind und Solar. Wir brauchen aber Tag und Nacht grundlastfähige Kraftwerke. Das leistet die Kohle. So lange die Lösung dieser technischen Probleme aussteht, können wir auf die Braunkohle nicht verzichten.

Was muss passieren, um wieder zu einem Dialog über die Zukunft der Kohle zurückzukehren?
Wir brauchen mehr Augenmaß und Realismus. Die Energiewende ist ein langwieriger Prozess, der noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Wir brauchen mehr Verständnis für technische Herausforderungen, für Forschung und Entwicklung. Und wir brauchen ein Bewusstsein für die Kosten der Energiewende, auch für die Stromkosten für die Verbraucher.

Was erwarten Sie von den Umweltschützern?
Ich erwarte, dass sie von einer ideologisch getriebenen Argumentation runterkommen und sich auf ein realistisches Schrittmaß begeben, das auch ökonomische und soziale Folgekosten für die Verbraucherinnen und Verbraucher im Blick behält.
 

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