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Nach Polizistenmord : „Geld wollte er immer“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Seit Jahren stand der 24-jährige Jan G., der seine Großmutter und zwei Polizisten am Dienstag tötete mit dem Gesetz wegen Alkohol- und Drogenproblemen in Konflikt.

svz.de von
erstellt am 01.Mär.2017 | 21:00 Uhr

Auch am Tag nach dem tödlichen Angriff gegen zwei Brandenburger Polizisten sichert die Kriminalpolizei am Tatort weiter Spuren: Mehr als 30 Beamte suchten gestern mit Metalldetektoren und Spürhunden die Bundesstraße 168 und angrenzende Grundstücke am Ortseingang von Oegeln (Oder-Spree) ab. Dort hatte ein 24-Jähriger am Dienstag womöglich im Drogenrausch zwei Polizisten tot gefahren, die ihn mit einem ausgelegten Nagelbrett stoppen wollten.

Den Ermittlern gesteht der 24-Jährige die Gewalttat und ein weiteres grausiges Verbrechen. Denn zuvor hatte der Mann seine 79-jährige Großmutter im Streit um Geld mit Messerstichen in den Hals getötet und war mit ihrem Auto geflohen. An der Kontrollstelle überfuhr er dann die Polizisten. Für Staatsanwältin Ricarda Böhme ist auch dies ein klarer Fall von Mord aus niederen Beweggründen. „Wer so schnell auf Polizisten zurast und sie umfährt, hat das Auto als Waffe genutzt“, betonte Böhme. Der Mann soll in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden.

Der 24-Jährige war den Behörden seit einiger Zeit als psychisch auffällig bekannt. „Insgesamt liegen sechs Zentralregister-Einträge unter anderem wegen Gewaltdelikten vor“, sagte Böhme. So saß er von 2013 bis 2015 anderthalb Jahre in Jugendhaft in Wriezen. Mitte November 2016 musste er sich vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) unter anderem wegen Raubs, Diebstahls und Fahrens ohne Fahrerlaubnis verantworten, wie die Staatsanwaltschaft gestern bestätigte. Die Anklage habe in dem Prozess auf eine Unterbringung des Mannes in der geschlossenen Psychiatrie gedrängt, sagte eine Sprecherin der Behörde (AZ: 26 Kls 13/16).     Die Kammer setzte eine Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie  aber zur Bewährung aus und berief sich dabei auf die Expertise eines Gutachters. Der  hatte dem 24-Jährigen mit einer „undifferenzierten Schizophrenie“ Behandlungsfähigkeit bescheinigt. Er wurde wegen einer attestierten psychischen Erkrankung als schuldunfähig von allen Vorwürfen freigesprochen.  „Die Staatsanwaltschaft hat gegen dieses Urteil mangels Erfolgsaussichten keine Rechtsmittel eingelegt“, bestätigt Kechichian.

Selbst als Jan G. unmittelbar nach dem Urteil erneut gegen die Bewährungsauflagen verstieß, sah das Landgericht keinen Anlass einzugreifen. Obwohl der Beschuldigte weiter Drogen zu sich nahm und ohne Fahrerlaubnis im Straßenverkehr erwischt wurde, konnten die Richter „das Vorliegen der Voraussetzungen für einen Widerruf der Aussetzung zur Bewährung nicht feststellen“, wie es in einer Stellungnahme des Landgerichts von gestern  heißt.

„Die drei Opfer könnten noch leben, wenn die Justiz besser gearbeitet hätte“, sagt eine aufgebrachte Müllroserin am Tag eins nach der Wahnsinnstat von Jan G., der zunächst seine Großmutter tötete und dann auf der Flucht auch noch zwei Polizisten das Leben nahm. Die Einheimischen wissen von der kriminellen Vorgeschichte des 24-Jährigen, der unter anderem drogenabhängig war und eine Tankstelle überfallen haben soll. Und keiner versteht, dass er auch bei seinem letzten Urteil nur eine Bewährungsstrafe bekam. Selbst als der Krankenwagen und die Polizei am Dienstag vor dem kleinen gelben Haus standen, war das für viele Anwohner nichts Ungewöhnliches. „Ich durfte ja vorher schon einmal bei einer Hausdurchsuchung dort drüben mitmachen – als Zeuge“, sagt Gerhard Melzer. Auch damals ging es um eine Strafsache, in die Jan G. verwickelt war. Der wohnte auf dem Grundstück seiner Großmutter, die er an deren 79. Geburtstag mit einem Messer tödlich am Hals verletzt hat.

Eine Nachbarin berichtet davon, dass Jan G., der noch zwei jüngere Geschwister hat, vor etlichen Jahren sogar schon mal ein Feuer auf dem Grundstück gelegt habe. „Und Geld wollte er immer.“ Bekannt ist, dass der Beschuldigte die Müllroser Schule besuchte. „Er war mit meinem Sohn in einer Klasse – von der ersten bis zur sechsten Stufe“, berichtet eine Frau.

Eine 19-jährige Beeskowerin kennt Jan G. aus dem Oberstufenzentrum „Konrad Wachsmann“ in Frankfurt. Dort begannen beide im Jahr 2014 eine Ausbildung zum Sozialassistenten. „Er war schon etwas gruselig, lief oft mit Kapuze auf dem Kopf herum und war eher ein Einzelgänger“, erinnert sich die junge Frau. Gesprochen habe er nicht viel. „Aber er hat die Leute immer so komisch angestarrt.“ Teilweise sei er alkoholisiert zum Unterricht gekommen, oft habe er geschwänzt. Einmal habe sie ihn beim Diebstahl erwischt, bei einem Bäcker. Aber da sei er gleich weggerannt. Und nach wenigen Wochen sei Jan G. in die Klinik gekommen. „In die Geschlossene“, sagt sie. „Danach kam er nicht mehr zur Schule zurück.“

Nach Aussagen der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) ist Jan G. zumindest seit 2008 wegen diverser Delikte im Bundeszentralregister aktenkundig. Fünf Mal stand er bis zu seiner Verurteilung Ende 2016 schon vor Gericht, meist ging es um Verkehrsvergehen, Diebstahl, Gewalt und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Nach einer Vielzahl von Jugendstrafen musste er zwischen Februar 2013 und Juni 2014 wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Wegen seiner Drogenabhängigkeit und Suizidgefährdung hat es immer wieder Kontakte zwischen dem Beschuldigten und der Kreisverwaltung Oder-Spree gegeben, wie Landrat Rolf Lindemann (SPD) am Mittwoch nach Rücksprache mit seinen Fachämtern mitteilte. Sämtliche Dokumentationen wolle er nun den Ermittlungsbehörden zur Verfügung stellen.

 
 

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