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Gelassenheit herrscht noch am Flussufer

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erstellt am 21.Mai.2010 | 09:08 Uhr

Schwedt/Potsdam | In der Uckermark sehen die Anrainer der Oder und die Behörden relativ entspannt dem zu erwartenden Hochwasser entgegen. "Wir sind auf den Fall der Fälle vorbereitet. Momentan unternehmen wir aber noch nichts", erklärte die Sprecherin der Kreisverwaltung Ramona Neumann. Der Landkreis sei ohnehin erst zuständig, wenn Katasrophenalarm ausgerufen werde. Bis dahin sei das Flut-Management Angelegenheit des Landesumweltamtes.

Noch einen halben Meter unter Alarmwert

Auch dort gibt man sich noch entspannt. Die Hochwasserwelle werde drei Tage später als erwartet, also Mitte nächster Woche in Deutschland eintreffen, teilt die Sprecherin des Landesumweltamtes Frauke Zelt mit. "Die Pegel im tschechischen und polnischen Grenzgebiet, dem Oberlauf der Oder steigen nicht weiter an oder sinken bereits wieder. Die Wasserstände in Ratzdorf, am Eintritt der Oder nach Brandenburg, befinden sich fast einen halben Meter unter dem Richtwert für die Alarmstufe 1", sagt sei. Wie stark das Hochwasser letztlich werde, könne noch niemand vorhersagen. "Die weitere Etwicklung ist abhängig von der Wasserführung in den großen Nebenflüssen, insbesondere des Bober, sowie von der Entscheidung der polnischen Katastrophenschützer, ob - teilweise bewohnte - Flutungs-polder oberhalb Breslaus geflutet werden", fügt die LUA-Sprecherin hinzu.

Im Laufe der kommenden Woche - frühestens Mittwoch oder Donnerstag - müsse in Brandenburg mit Hochwasser gerechnet werden. Dann werde voraussichtlich ein Pegel erreicht, bei dem die Alarmstufe drei ausgerufen werde. Brandenburg werde mit "einer ernst zu nehmenden Situation konfrontiert" sein.

Mit einem ersten signifikanten Anstieg der Oder auf brandenburgischem Gebiet ist nach Einschätzung von Landesumweltamtspräsident Matthias Freude am Sonntag oder Montag zu rechnen. Ministerpräsuident Matthias Platzeck (SPD) betonte gestern auf einer Pressekonferenz, genaue Vorhersagen seien schwierig. Es gebe einige Unwägbarkeiten. Das betreffe vor allem den Wasserstand auf der Warthe in Polen und zu befürchtende neue Niederschläge mit Beginn der kommenden Woche. Demnach sei auch unklar, wie lange der Alarmzustand in Brandenburg anhalten werde. Aus den bislang zu vermutenden zehn Tagen könnten auch drei Wochen werden.

Der Ziltendorfer Heinz Blümel kennt das alles schon: "Wissen Sie, es gibt zwei Wellen. Erst kommt das Wasser - und dann kommen die Medien!" Derzeit scheint es, als käme die zweite Welle zuerst. In Ostbrandenburgs Ziltendorfer Niederung an der Oder, wo der Rentner Blümel mit seiner Familie in der Ernst-Thälmann-Siedlung lebt, mähen die Menschen gestern Rasen. Oder tun andere alltägliche Dinge - nur unterbrochen von etlichen Reportern. "Warum sollen wir Angst haben?", sagt Blümel. "Wir leben schon unser Leben lang mit der Oder. Und Hochwasser haben wir zweimal im Jahr."

Schiffe dürfen noch fahren

Von Donnerstag zu gestern stiegen die Pegel im südlichsten deutschen Oder-Ort Ratzdorf erneut leicht um zehn Zentimeter auf 4,36 Meter. Für Pfingstsonntag prognostizierte das Umweltamt einen Anstieg auf bis zu 4,50 Meter. In Frankfurt (Oder) stand der Pegel am Freitagmorgen bei 3,59 und lag damit acht Zentimeter über dem Vortageswert. Bis Sonntag könnte der Pegel dort auf 3,90 Meter steigen.

Der deutsche Oder-Abschnitt wird nächste Woche voraussichtlich für die Schifffahrt gesperrt. Über die Pfingstfeiertage können Schiffe auf dem Fluss aber noch verkehren, wie das Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde mitteilte. Sportbootfahrer sollten dabei auf Gefahren durch Treibgut und stärkere Strömung achten.

Am Dienstag wird im Innenministerium ein Katastrophenstab seine Arbeit aufnehmen. Dort arbeiten laut Landesbranddirektor Henry Merz neben allen Ministerien auch die Polizei, die Feuerwehr, die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk zusammen. Auch ein polnischer Kollege werde dabei sein. Die betroffenen Landkreise entlang der Oder hätten bereits ausreichend Deichläufer zur ständigen Kontrolle der Flussbegrenzungen auf ihren Einsatz vorbereitet, sagte Merz. Im Katastrophenschutzlager in Beeskow stünden zudem drei Millionen Sandsäcke, Aggregate und Pumpen bereit.

Brandenburg sei nach dem Jahrhundert-Hochwasser auf der Oder im Jahr 1997 besser auf eine Gefahrensituation eingestellt, sagte Platzeck. Die Deiche seien fast vollständig erneuert worden. Nächste Woche würden sie voraussichtlich einem Härtetest unterzogen.

Freude betonte, seit 1997 seien rund 60 Hektar neue Überflutungsflächen geschaffen worden. Die Neuzeller Niederung stehe allerdings noch nicht als zusätzliche Flutungsfläche zur Verfügung. Der Präsident fügte hinzu, in Brandenburg gebe es jetzt die "modernsten Deiche", die bei Hochwasser über Flächenfilter trockengelegt werden. Ein Aufweichen der Anlagen wie 1997 müsste damit verhindert werden. Auf polnischer Seite würden die Deiche ebenfalls saniert, von den jetzt gebrochenen 14 Anlagen seien mindestens 13 alt gewesen.

Selbst wenn es hoch wird, zeigen die Erfahrungen der Uckermärker aus der Jahrhundertflut von 1997, dass sie sich keine allzu großen Sorgen machen müssen. Das Poldersystem im Unteren Odertal sorgt dafür, dass der Fluss sich im Hochwasserfall ungestört ausbreiten kann - fast der gesamte Nationalpark würde dann unter Wasser stehen. Die sogenannten Winterdeiche an der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße müssten dann einem wesentlich geringeren Druck standhalten als die Deiche im Oderbruch, die sich direkt am Flusslauf befinden. 1997 hielten die Deiche stand. Lediglich im Lunow-Stolper Trockenpolder, wo sich der Deich ebenfalls direkt am Fluss befindet, kam es zu einem gefährlichen Deichrutsch, der durch die Bundeswehr jedoch gestoppt werden konnte.

Deichrutsch auf Medaille vergessen

Dieser Deichrutsch war durch die Öffentlichkeit damals gar nicht so richtig wahrgenommen worden, weil zeitgleich im Oderbruch ein dramatischer Kampf um die Rettung vor der Flut geführt wurde. Das führte in der Folge sogar dazu, dass die Uckermark auf der Oderflut-Medaille, die die Landesregierung nach der Flut prägen ließ, vergessen wurde. In den vergangenen Jahren ist das Deichsystem an der Oder umfassend saniert und verstärkt worden und kann dem Landesumweltamt zufolge ein Hochwasser wie das 1997er ohne Probleme aushalten.

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