Wulkows Handwerksmeister : Gehör und Fingerspitzengefühl

Handwerksmeister Peer Schreier arbeitet an einem Kontrabass in seiner Werkstatt in Wulkow.
Handwerksmeister Peer Schreier arbeitet an einem Kontrabass in seiner Werkstatt in Wulkow.

Die Kunden von Peer Schreier – Profimusiker, Museen oder private Sammler – müssen Geduld haben

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09. Januar 2016, 13:52 Uhr

Wer die Werkstatt von Peer Schreier in Wulkow (Märkisch-Oderland) betritt, erkennt seine Spezialität sofort: Überall stehen und liegen Kontrabässe, teilweise in ihre Einzelteile zerlegt. Zumeist arbeitet der 50-Jährige an mehreren voluminösen Streichinstrumenten gleichzeitig. Ein fast fertiger Neubau liegt auf der Werkbank, zwei ramponiert aussehende Kontrabässe mit zerschrammtem Lack, Rissen im Holz, förmlich aus dem Leim gehend, warten auf Reparatur. „Die beiden wurden schon zu Mozarts Zeiten gespielt, ich gebe ihnen Glanz und Stimme zurück“, erklärt der Instrumentenbauer.

Sein Keller ähnelt einem Hochsicherheitstrakt. Hier hängen weitere Raritäten quasi in der Warteschlange. Sie stammen aus renommierten Konzerthäusern weltweit, wie der Mailänder Scala, dem Royal Opera House London oder der Berliner Staatsoper, aus Museen und von privaten Sammlern. „Ein einzelnes dieser Instrumente ist um die 150 000 Euro wert“, sagt er Fachmann. Er sichert die Instrumente mit Tresortechnik und Alarmanlage.

Für den studierten Orchestermusiker ist es die Erfüllung, diese wertvollen, zumeist mehrere Hundert Jahre alten Kontrabässe nach dem Reparieren auch spielen zu dürfen. Denn das Stimmen gehört nach der Runderneuerung dazu. „Es sollten halt nicht nur alle Teile passen, das Gesamtwerk muss auch klingen. Das lässt sich hören und fühlen.“ Nach dem Klang könne er tatsächlich süchtig werden und daran arbeiten, ohne auf die Uhr zu sehen, bekennt der gebürtige Berliner mit einem Hang zur Perfektion. Da wundert es kaum, dass seine Kunden Wartezeiten bis zu fünf Jahren in Kauf nehmen müssen. Schreiers außergewöhnliche Kombination aus Musikalität und Fingerspitzengefühl sind sein Erfolgsgeheimnis.

Während seines klassischen Musikstudiums in Weimar (Thüringen) machte er eine Lehre in der berühmten DDR-Geigenbauschule Markneukirchen im sächsischen Vogtland. „Mein Vater war Orchestermusiker an der Komischen Oper Berlin. Er hat mir neben der Musikalität auch geschickte Hände vererbt“, ist der Wahl-Wulkower überzeugt.

„Schreier ist tatsächlich ein absoluter Spezialist, weltweit gefragt“, sagt der Orgelbauer Ulrich Fahlberg, der jahrelang Innungschef der etwa 150 Musikinstrumentenbauer in Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern war. Die Mischung aus Musiker und Handwerker sei sehr selten. „Bei Schreier ist alles echte Handarbeit, der Kunde bekommt ein Unikat, das perfekt klingt.“

Hobel in allen Größen und Formen sind die wichtigsten Werkzeuge des Instrumentenbauers. Sie reihen sich in Regalen, neben Schraubzwingen, Stecheisen, Feilen sowie Töpfen mit Leim und Lack. Moderne, elektrische Maschinen jedoch finden sich in Schreiers Werkstatt nicht.

Während des Studiums hatte sich der heute 50-Jährige nach Anfängen an der Geige für das größte und tiefste aller Streichinstrumente entschieden. „Kontrabass spielt man aus dem Bauch heraus. Er fällt im Orchester nur auf, wenn er fehlt“, erzählt er voller Begeisterung.

Dass seine Instrumente tatsächlich Unikate sind, liegt auch daran, dass es viele unterschiedliche Kontrabass-Formen gibt. „Die Wiener Schule hat im 18. Jahrhundert beispielsweise die Wirbelkästen anders gestaltet, als die Konkurrenz in Italien“, erläutert er. Auch die typischen weiblichen Rundungen des Kontrabasses gebe es in vielen Variationen. Zudem muss das acht bis zwölf Kilogramm schwere Instrument der Körpergröße seines Spielers angepasst werden.

Jede Form lasse sich mit Schablonen machen, sagt Schreier, der neben seinem Handwerksberuf als Kontrabassist in einem renommierten Orchester spielt. Die akustische Feinabstimmung, die er als Musiker beherrscht, gibt dem Instrument erst das gewisse Extra. „Wenn der Profimusiker sein Arbeitsgerät bei mir abholt, muss es nahtlos im Konzert einsetzbar sein“, lautet der Qualitätsanspruch des Wulkowers.

Jeanette Bederke

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