Gedenkstätte : Gegen die glattgebügelte Geschichte

Katjuscha und T 34: Die beiden Fahrzeuge sind die einzigeTechnik in der Gedenkstätte Seelower Höhen.
Katjuscha und T 34: Die beiden Fahrzeuge sind die einzigeTechnik in der Gedenkstätte Seelower Höhen.

Gedenkstätte auf den Seelower Höhen will Originalexponate zeigen, um die Ereignisse erlebbar zumachen / Kooperation mit polnischen und russischen Partnern

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04. Oktober 2019, 05:00 Uhr

Im April 1945 standen sich im Oderbruch fast eine Million anstürmende Rotarmisten und  120 000 erbittert verteidigende deutsche Soldaten gegenüber. An den entscheidenden vier Tagen der Schlacht um die Seelower Höhen kamen fast 50 000 Kämpfer ums Leben. Noch immer streiten die Historiker über die genaue Zahl der Toten. Deren Leichen werden bis heute bei Ausgrabungen zu Tage gefördert.

„Es war die größte Schlacht im Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden“, sagt Tobias Voigt. Der Politikwissenschaftler leitet den Verein „Zeitreise Seelower Höhen“, der zu Jahresbeginn mit der inhaltlichen Weiterentwicklung der dortigen Gedenkstätte beauftragt wurde. Dies sei dringend nötig, findet der 50-Jährige. Die Einrichtung bleibe drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung „weit hinter den erzählerischen und vermittlerischen Möglichkeiten zurück“, um die Schrecken des damaligen Geschehens zu verdeutlichen.

Die meisten internationalen Besucher, die nach Seelow kommen, um die Ereignisse nachzuempfinden, seien enttäuscht, weil es an Artefakten mangele, an konkreten Gegenständen, die das damalige Geschehen nachvollziehbar machen. „Selbst russische Gäste fragen verwundert: Wo ist denn die deutsche Technik?“, erzählt Voigt. Ein Beispiel: Allein am 19. April 1945 feuerten sowjetischen Truppen 1,2 Millionen Granaten ab. Die einzige Granate im Museum sei jedoch eine sowjetische Propaganda-Granate, in der sich Flugblätter befanden, auf denen die deutschen Soldaten aufgefordert wurden, den Kampf zu beenden.

Die Außenanlage wird von den Gräbern von über 7000 sowjetischen Soldaten dominiert. An Technik sind nur ein sowjetischer Raketenwerfer und ein Panzer T 34 vorhanden. Um wenigstens diesen in ein interaktives Objekt zu verwandeln, haben ihn die neuen Museumsmacher in den vergangenen Monaten gründlich gereinigt. „Wir haben 120 Kilo Dreck aus dem Innern geholt und ihn so vor dem Vergammeln gerettet", beschreibt Voigt drastisch. Jugendliche und Schüler von heute, die man als Besucher gewinnen will, sollen  konkret nachempfinden können, um was für eine klaustrophobe Situation es sich handelt, wenn man sich in solch einen engen Panzer zwängen und um sein Leben bangen muss.

„Machen wir uns nichts vor, heute kommt niemand mehr ins Museum, um belehrt zu werden“, so Voigt. „Man will etwas Interessantes, zum Nachdenken Anregendes erleben.“ Bei Führungen mit Schulklassen sagt er etwa: „Ihr müsst euch vorstellen, dass im Frühjahr 1945 Abiturienten aus Hamburg oder Flensburg aus der Schule gerissen und an die Oderfront geschickt wurden, um hier ihre Heimat zu verteidigen!“ Was mögen solche Jungs empfunden haben, als sie plötzlich kiloschwere Granaten in die Rohre von Werfern stopfen mussten, um ihr Leben zu retten?

Bis jetzt ist das Museum sehr klein und erinnert in vielem noch an DDR-Zeiten. Damals sei die Geschichte ideologisch glattgebügelt worden. „Junge Pioniere und FDJ-ler legten an den Gräbern sowjetischer Soldaten Kränze nieder. Gleichzeitig saßen ihre Großväter, die auch an der Schlacht teilgenommen hatten, im Oderbruch und mussten schweigen. Eine schizophrene Situation“, meint Voigt.

Nach der Wende seien wenigstens die Erinnerungen noch lebender deutscher Zeitzeugen hinzugekommen. Doch die meisten seien inzwischen gestorben. Und um deren Berichte zu lesen, „kann man ins Internet gehen und muss nicht ins Museum“, sagt Voigt.

Der 2. Vorsitzende des Vereins „Zeitreise Seelower Höhen“, Enrico Holland, kann sich vorstellen, mit Partnern in Russland an der Modernisierung der Ausstellung zu arbeiten. Seelow ist eine Partnerstadt von Wolgograd, dem einstigen Stalingrad. „In Russland hat man größeres Interesse und Respekt gegenüber der Militärgeschichte als in Deutschland“, denkt Holland. Leider werde in den Medien und in der politischen Arena oft negativ über Russland gesprochen. „Aber kein normaler Mensch auf der Straße wird sagen, dass er Krieg mit Russland will. Trotz aller Schwierigkeiten haben wir Freundschaft geschlossen und es ist notwendig, sie mit allen Mitteln zu bewahren“, so Holland.

Noch bevor der Verein die Verantwortung übernahm, war ein deutsch-polnisches EU-Projekt vereinbart worden, aus dem die Gedenkstätte in Seelow und das Museum am früheren deutschen Ostwall bei Miedzyrzecz (Meseritz) mit 1,2 Millionen Euro gefördert werden sollen. Am 24. Oktober findet das erste Treffen der Partner statt.

Freilich unterscheidet sich die Einrichtung in Polen fundamental von der in Seelow, denn sie war erst nach 1990 als „historische Erlebnisstätte“ geschaffen worden. Am Ostwall mangelt es nicht an Zeitdokumenten. Besucher können auch in einen unterirdischen Führungsstand gehen, in dem ein deutscher Offizier als Puppe den „Völkischen Beobachter“ liest. Bei manchem deutschen Besucher ruft das widersprüchliche Gefühle hervor.

Selbst Panzerfahrten und unterirdische Radtouren durch das Tunnelsystem sind am Ostwall möglich. Man darf deshalb sehr gespannt seien, was sich aus der Kooperation beider Einrichtungen entwickeln wird.


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