Kriegsmunition : Gefahren im märkischen Sand

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Im Brandenburger Boden lagern jede Menge Weltkriegsbomben - doch auf den Kosten der Entschärfungen bleibt meist das Land am Ende sitzen

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27. Dezember 2013, 11:35 Uhr

Paul Dietrich aus dem Oranienburger Ortsteil Lehnitz war das bislang letzte Opfer: Im November verlor der Rentner sein Haus, eine umgebaute Gartenlaube. Denn direkt daneben lag ein Blindgänger, den die Sprengmeister der Brandenburger Polizei nicht mehr entschärften konnten. Die 500-Kilo-Bombe aus amerikanischer Produktion wurde kontrolliert gesprengt – und das Häuschen von Paul Dietrich am hellichten Tag in seine Einzelteile zerfetzt.

Meistens geht es besser aus, wenn in Brandenburg ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden muss. Doch wenn etwas passiert, bleiben sind die Betroffenen oft auf Kulanzregelungen des Landes angewiesen. Denn die Rechtslage ist eindeutig: Der Grundstückseigentümer muss für die Entschärfung von Bomben auf seinem Grundstück aufkommen. Der Bund zahlt nur für bundeseigene Grundstücke, und für Munition, die einst vom Deutschen Reich verschossen oder abgeworfen wurde. Die Entschärfung alliierter Bomben ist Ländersache.

Und Brandenburg war gerade in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs heiß umkämpft: Die Rüstungsindustrie in Oranienburg und die nahe Hauptstadt Berlin sorgten dafür, dass mehr als zehn Prozent der Fläche des Landes mit Munition belastet sind. Mehr als 320 Millionen Euro hat Brandenburg seit 1991 für die Beseitigung von Kampfmitteln ausgegeben. Nur 116 Millionen hat der Bund erstattet.

Schon als Brandenburger Innenminister kämpfte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) deswegen für eine Neuregelung der Entschädigungen. Doch bislang war das ein Kampf auf verlorenem Posten. Im vergangenen Jahr versuchte das Land zum dritten Mal, über eine Bundesratsinitiative ein stärkeres finanzielles Engagement des Bundes bei der Bombenbeseitigung durchzusetzen. „Die andauernde Gefährdung durch alliierte Kampfmittel ist das Ergebnis eines Krieges, den Deutschland und nicht das Land Brandenburg geführt hat“, hatte Woidke damals erklärt. „Der Bund entzieht sich seiner gesamtstaatlichen Verantwortung und lässt die Länder schlicht allein.“ Im Bundesrat fand die Initiative dieses Mal sogar eine Mehrheit – doch im Bundestag kam sie dann gar nicht mehr zur Sprache. Die Bundestagswahl verhinderte, dass der Antrag ins Parlament kam – mit dem Ende der Legislaturperiode wurde er hinfällig.

Und auch bei den Koalitionsverhandlungen gelang es Woidke nicht, das Thema im Berliner Politikbetrieb neu auf die Tagesordnung zu setzen. Denn dass der Bund nur wenig Interesse daran hat, zusätzliches Geld in die Länder zu geben, versteht sich fast von selbst. „Wir werden da aber weiter dranbleiben“, erklärte Woidke am Freitag vor den Mitgliedern der Landespressekonferenz. Denn klar ist, dass die im Brandenburger Sand liegenden Bomben noch auf Jahrzehnte hinaus ein Problem darstellen werden. Weil die Langzeitzünder an den Bomben allmählich marode werden, wird es immer öfter zu Sprengungen wie im November in Oranienburg kommen. Weswegen der Lehnitzer Paul Dietrich noch lange nicht das letzte Opfer des Zweiten Weltkriegs in Brandenburg gewesen sein dürfte.


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