Potsdam : Gauland definiert Rassismus anders

Der stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland
Der stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland

Macht die AfD Rassismus salonfähig – oder gibt die Partei nur denjenigen eine Stimme, die gegen noch mehr Veränderung sind?

svz.de von
07. Juni 2016, 05:00 Uhr

An die angriffslustige AfD-Chefin Frauke Petry und den konzilianten Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen hat sich das Talkshow-Publikum gewöhnt. Die Provokationen des Thüringer Fraktionschefs Björn Höcke sind fast Routine. Doch wie geht man mit Argumenten von jemandem wie Alexander Gauland um, der so tut, als könne man die Zeit zurückdrehen – zur Bundesrepublik der frühen 60er-Jahre?

Hätte Brandenburgs AfD-Chef das, was er am Sonntag bei „Anne Will“ sagte, vor 50 Jahren von sich gegeben, hätte wohl niemand Anstoß genommen. In Bäckereien wurden damals „Mohrenköpfe“ verkauft. Wenn jemand etwas Absurdes tat, hieß es, „man kann sich auch einen Ring durch die Nase ziehen“. Heute servieren Frauen mit Nasenring in Bäckereien Chai-Latte mit Sojamilch.

Das ist nicht das Deutschland, in dem sich Gauland wohlfühlt. Er sagt: „Ich möchte dieses Land behalten, wie wir es ererbt von unseren Vätern haben.“ Das könnte man als Gegrantel eines älteren Herrn sehen, der mit der Moderne hadert. Doch damit hat man Gauland, die AfD und deren relativ junge Anhängerschaft nicht verstanden. Zwar beklatschte im Studio bei „Anne Will“ niemand Gaulands Äußerungen. Doch bei seinen Anhängern wird ihm der Talkshow-Auftritt nicht geschadet haben. „Er hat aus dieser Situation das Beste herausgeholt“, urteilt ein Parteifreund.

Wenn Gauland sagt, die Bundeskanzlerin wolle das deutsche Volk „ergänzen und ersetzen“, ruft das bei vielen Kopfschütteln hervor. Doch AfD-Anhänger dürften sagen: „Genau so ist es.“ Gauland gab bei „Anne Will“ vordergründig keine gute Figur ab. Er musste sich vorwerfen lassen, einen Slogan aus der rechtsextremen Szene benutzt zu haben, als er bei einer Rede den Satz rief: „Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land.“

Doch er konnte wichtige Schlüsselsätze für das Selbstverständnis von AfD-Wählern unterbringen, die sich für Opfer des Mitte-Links-Establishments halten. Gauland sagt: „Es ist halt lange Zeit üblich gewesen, diese Dinge totzuschweigen.“ Und: „Wir sind alle nicht gefragt worden.“ Damit holt er Wähler ab, die gegen Zuwanderung und Veränderung sind und ködert jene, für die „political correctness“ ein Schimpfwort ist.

Gauland ist für viele Politiker der Bundestagsparteien schwerer zu ertragen als Petry und Höcke. Das langjährige CDU-Mitglied war einst einer von ihnen. Für Ministerpräsident Walter Wallmann (CDU) leitete er Hessens Staatskanzlei. 1991 ging er als Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ nach Potsdam und gab den konservativen Intellektuellen.

Bei der AfD begnügte sich Gauland lange mit der Rolle der Grauen Eminenz. Mit Blick auf das fortgeschrittene Alter kandidierte er nur für den Stellvertreter-Posten. Dass er aus der zweiten Reihe nach vorn tritt, nährt Spekulationen über die Frage, mit welchem Spitzenkandidaten die AfD in den Bundestagswahlkampf 2017 gehen will.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, kritisiert die Dauerpräsenz der AfD und ihres Spitzenpersonals in den Medien. Journalisten hätten zwar eine Informationspflicht, sagt Überall dem „Handelsblatt“, aber: „Nicht jede Äußerung von AfD-Politikern hat Nachrichtenwert.“ FDP-Chef Christian Lindner rät, die Provokationen der Alternative für Deutschland zu ignorieren und sich von ihr keine Themen aufzwingen zu lassen.

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