Eugal-Trasse in Brandeburg : Gasschlange und Eidechsen

Die Rohre der Erdgastrasse werden unter beweglichen Zelten verschweißt.
Die Rohre der Erdgastrasse werden unter beweglichen Zelten verschweißt.

Die Eugal-Trasse zieht sich durch Brandenburg. 2020 soll das erste Erdgas fließen

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08. August 2019, 05:00 Uhr

Wie er mit der Hitze klarkommt? Stéphane winkt ab. „Kein Problem“.  Stéphane kommt aus Lyon. Er steht in praller Sonne  vor einem Stahlrohr. Warnend wedelt er mit der Hand, zeigt auf das mannshohe Rohr: Nicht anfassen. Am Ende des Rohrs steckt ein Induktionsring. Er wärmt den Stahl auf 120 Grad.

„Das ist fürs Schweißen nötig“, sagt Bauleiter Steffen Kranz. Er arbeitet für Gascade, Bauherr und Betreiber der Erdgaspipeline Eugal. Kranz ist verantwortlich für zwei insgesamt 63 Kilometer lange Abschnitte. Ab 2020 soll die Pipeline russisches Erdgas von der Ostsee durch Brandenburg nach Tschechien transportieren.

Der Acker bei Klosterdorf (Märkisch Oderland), über den sich die Baukolonne schiebt, liegt fast in der Mitte der 480 Kilometer langen Leitung. Sie besteht aus zwei Strängen. Der erste ist im Land fast vollständig vergraben. Bei Prötzel entsteht der zweite Strang. Dutzende 18 Meter lange Rohre mit 1,80 Meter Durchmesser liegen auf dem Sand, werden verschweißt.

Vier Krane rollen hintereinander durch den Sand. Jeder setzt ein weißes Zelt an die Stellen, an denen zwei Rohre aneinander stoßen. Unter ihnen steckt Schweißgerät. Automaten fahren mit blauer Flamme um die Enden und fügen sie zusammen. Vier Mal muss eine Naht geschweißt werden. Vier Mal wird ein neues Zelt über die Nahtstelle gestülpt. So schiebt sich die Krankolonne vorwärts, begleitet von einem Mann mit blau-gelber Arbeitsweste. „Das ist der Tüv“, sagen die Bauleute.

Uwe Lindner ist auch Tüv, der Umwelt-Tüv. Der Biologe nennt sich  ökologischer  Baubegleiter. Er ist dafür zuständig, dass Zauneidechsen nicht von den Raupenketten der Krane zermalmt werden, Greifvögel ungestört brüten können, keine gefährlichen Stoffe in Gewässer geraten. „Wir schauen, dass die Vorgaben des Natur- und Artenschutzes eingehalten werden“, sagt er. Welche das sind, schreibt der Planfeststellungsbeschluss vor.

Lindner kontrolliert, ob die Schutzzäune in Ordnung sind, die Eidechsen abhalten, auf die Baustelle zu laufen. Bei den letzten Starkregen wurden einige beschädigt. „Wir müssen viel vorausschauend arbeiten“, sagt er. So sind im Vorfeld Hunderte Ameisenhaufen umgesetzt worden. Weil Greifvögel während der Brut nicht gestört werden dürfen, seien Horste nahe der Baustelle abgedeckt worden, damit sich die Vögel dort nicht niederlassen. Dafür wurden etwas weiter entfernt Ersatzhorste angelegt, beschreibt Lindner. Auch auf die Bauarbeiten am nahen Stöbberbach hat er ein Auge. Dort wird ein Mini-Tunnel aus Betonrohren tief unter der Sohle des Gewässers gebohrt, durch den die Gasrohre geschoben werden. Das soll für das Feuchtgebiet schonender sein, als einen offenen Graben zu ziehen.

Zu Lindners Job gehört auch zu kontrollieren, wo Grundwasser von der Baustelle in Gewässer eingeleitet wird. Das ist für Gascade ein heikles Thema. Das Unternehmen steht im Verdacht, für ein Fischsterben in der Schwarzen Elster verantwortlich zu sein, weil zu saures Grundwasser in den Fluss gelangte. Jedoch ist die Schuldfrage unklar – die Schwarze Elster ist durch Bergbauabwasser belastet, führte in letzter Zeit zu wenig und zu warmes Wasser.

Gascade sieht sich zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt, macht Unternehmenssprecher George Wüstner deutlich. Grundwasser werde nur mit Genehmigung in Gewässer eingeleitet. Ein Institut aus Kassel nehme  Proben. Die Untere Wasserbehörde gebe die Einleitung dann frei. Auch die Menge werde dokumentiert.

Lindner schaut vor Ort, wie das Einleiten abläuft, erzählt er. Der ökologische Baubegleiter findet,  dass der Trassenbau der Umwelt an mancher Stelle sogar Vorteile bringt. Nämlich dort, wo reiner Kiefernwald verschwindet. Über den vergrabenen Rohren entsteht ein 40 Meter breiter Schutzstreifen, der von Bäumen freigehalten wird. Eine Chance für Trockenrasen und Hecken. „Da finden sich später viele Arten wieder, die offene Landschaften brauchen“, argumentiert Lindner. Auf den Feldern hingegen können Bauern über Eugal später ackern. Abgetragenen Mutterboden packen die Bauleute zur Seite. Er zieht sich als Wall neben der schwarzen Schlange aus Rohren durch die Landschaft.

Ein paar Wochen liegen die Rohre so, erzählt der Bauleiter. Dann rücken Bagger an. Sie heben Gräben aus, etwa 2,60 Meter tief, zwei Meter breit an der Sohle und 4,50 Meter am oberen Rand. Da hinein werden die Rohrschlangen versenkt. 700 Meter ist ein verschweißter Abschnitt lang. Im Graben müssen diese nochmals zu einem Ganzen verschweißt werden. Zum Schluß begräbt Sand die Gas-Schlange.

„Die größte Herausforderung ist die Logistik“, sagt Kranz. Er kam 2015 zu Gascade. Auf seiner Baustelle arbeiten drei Unternehmen aus Belgien und Norddeutschland. Die Bauleute kommen aus Italien, Frankreich, Dänemark, der Türkei. Von sieben bis 18 Uhr dauert ein Arbeitstag. Danach fahren die Männer in ihre Quartiere, Hotels und Ferienwohnungen. Manche richten sich ein Jahr auf Campingplätzen ein. „Die Landschaft ist schön“, sagt der Belgier Wouter. In der Freizeit fahren sie nach Berlin, sagt er. Oder an einen See. Manche ziehen wie Stéphane von Großbaustelle zu Großbaustelle. Der Franzose hat schon in Griechenland und in Saudi Arabien gearbeitet. „Da war es heißer.“

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