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Vor Spatenstich in Potsdam : Garnisonkirche spaltet Potsdam

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kritiker befürchten, aus der Innenstadt werde eine Art preußisches Disneyland

svz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Erwartungsfroh blickt Wieland Eschenburg auf die Baustelle in Potsdams historischer Mitte, direkt an der Hauptverkehrsstraße der Innenstadt. „Nun heißt es endlich nicht mehr: Wir wollen wieder aufbauen, sondern: Wir werden wieder aufbauen - und ihr könnt euch alle daran beteiligen!“, sagt der Sprecher der Stiftung Garnisonkirche.

Ein gutes Vierteljahrhundert haben Eschenburg und viele Mitstreiter auf den Baustart für den knapp 90 Meter hohen Turm der Garnisonkirche mitten in Brandenburgs Landeshauptstadt hingearbeitet. Aus Sicht der Bundesregierung ist es ein „Projekt von nationaler Bedeutung“, es spaltet jedoch die Einwohnerschaft und teils auch die Evangelische Kirche. Das im Krieg schwer beschädigte Gotteshaus war 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt worden. Am morgigen Sonntag soll der offizielle Baubeginn mit einem Festgottesdienst auf der Baustelle gefeiert werden. Die Gegner vornehmlich aus der linken und kreativen Szene, die sich mit rund 30 Initiativen in dem Bündnis „Stadtmitte für Alle“ zusammengeschlossen haben, wollen dann gegen den sogenannten Turmbau zu Potsdam demonstrieren. Die Anspielung auf den biblischen Sündenfall zu Babel ist noch die harmloseste Schmähkritik - andere sehen eine „Barock-Al-Quaida“ am Werk, die im modernen Potsdam das Garnisonstädtchen des Alten Fritz wiederaufleben lassen wolle. „Auf der Suche nach der alten Identität von Preußen-Brandenburg wird unkritisch die Garnisonkirche wiederaufgebaut, als neues nationales Denkmal“, schimpft der Sprecher des Bündnisses, André Tomczak und ergänzt, Potsdam gerate zunehmen zu einer Art Themenpark.

Direkt gegenüber vom Landtag beginnt gleichzeitig mit dem Aufbau der Garnisonkirche der Abriss der alten Fachhochschule, einer ebenfalls stark umstrittenen architektonischen Hinterlassenschaft aus DDR-Zeiten. Dort sollen wieder Bürgerhäuser mit teils historischen Fassaden entstehen. Die Bundesregierung fördert den Turmbau der Garnisonkirche mit zwölf Millionen Euro, auch die Evangelische Kirche gibt Darlehen in Höhe von fünf Millionen Euro. Doch auch innerhalb der Kirche regt sich Widerstand. Für die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ stand das Gotteshaus für eine Kirche, die „auf politische Weisung Krieg predigte“. Eschenburg ficht dieser Widerstand nicht an. Inzwischen habe sich die Garnisonkirche der internationalen Versöhnungsarbeit verschrieben, betont der Stiftungssprecher. Und der Wiederaufbau sei gerade wegen der wechselvollen Geschichte des Gotteshauses notwendig. Untersützung erfährt er dabei von Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD). „Als Lernort kann der Garnisonkirchenturm dazu beitragen, Geschichte zu begreifen.“

Die Stiftung hat die Kosten für den Turm noch nicht zusammen - vom Kirchenschiff ganz zu schweigen. Finanziert sind bislang nur gut 26 Millionen für eine Rumpfversion ohne den barocken Zierrat, weitere zehn Millionen Euro sind mindestens notwendig.

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