Gardemaß sechs preußische Fuß

Diese Preußen schießen nicht: die Mitglieder der Vereinigung zur Förderung und Pflege der Tradition der Riesengarde.   ddp
Diese Preußen schießen nicht: die Mitglieder der Vereinigung zur Förderung und Pflege der Tradition der Riesengarde. ddp

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19. Mai 2010, 01:57 Uhr

Potsdam | Sechs preußische Fuß, vier Zoll und sechs Strich ist der Potsdamer Sven Liebenehm groß. Mit seinen 1,98 Meter hat er also die ideale Körpergröße, um in der "Potsdamer Riesengarde" zu dienen. "Ich saß grade in der Kaserne, als ich angesprochen wurde, ob ich nicht zu den Langen Kerls will", erinnert sich der ehemalige Zeitsoldat. Nach einer halbjährigen Probezeit durfte er sich im Frühjahr 1997 zu den Mitgliedern der "Potsdamer Riesengarde Lange Kerls e.V." zählen - ein Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Tradition der Leib-Kompanie aus besonders groß gewachsenen Soldaten von König Friedrich Wilhelm I. im

18. Jahrhundert aufrecht zu erhalten. Heute feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen.

Ursprünglich sei die Vereinigung nur für einen einmaligen Anlass, den 1000. Stadtgeburtstag Potsdams 1993, gegründet worden, sagt Liebenehm.

250 Jahre nach ihrer Auflösung wurde am 19. Mai 1990 eine Musterung veranstaltet und eine neue "Riesengarde" auf die Beine gestellt. Nach dem Stadtfest sollte der Verein wieder aufgelöst werden, doch die Männer hatten so viel Spaß an der Sache, dass er sich bis heute gehalten hat.

Rund 100 Auftritte bei Stadtfesten, Umzügen oder privaten Veranstaltungen bestreiten die "Langen Kerls" mittlerweile jährlich. Meist führen sie dem Publikum Schießübungen oder Wachwechsel vor. Akribisch genau führen die Männer synchron die Anweisungen im Takt der Trommel aus.

Da die rote Uniform und die kniehohen weißen Schuhe aus Materialien bestehen, die heute nicht mehr hergestellt werden, sei es extrem aufwendig und teuer gewesen, die Ausrüstung originalgetreu zu gestalten. Auch die Waffen seien allesamt Einzelanfertigungen, sagt Liebenehm. Die Besonderheit dieser Gewehre war es ja schließlich, die die "Langen Kerls" auszeichnete: Mit ihren langen Armen konnten nur sie die neuartigen überlangen Flinten bedienen.

Friedrich Wilhelm I. schickte Offiziere nach ganz Europa, um Männer mit mindestens sechs Fuß, also 1,88 Meter Körpergröße, für seine "Riesengarde" zu werben. Manche wurden auch gegen ihren Willen mitgenommen oder dem König gar von anderen Monarchen "geschenkt". 3200 Mann zählte das berühmte Regiment, als es beim Tod Friedrich Wilhelms I. aufgelöst wurde. "Lange Kerls" hatten viele Könige, derart viele gab es aber nur in Preußen. Neben Potsdam waren sie in verschiedenen Städten wie Neuruppin oder Brandenburg/Havel stationiert und jeweils in den Häusern der Bürger einquartiert. "Kasernen gab es damals nicht", erklärt der Militärkenner. Jeder, der mit der Unterstützung des Königs ein Haus bauen wollte, musste zusätzliche Räume für zwei bis drei "Kerls" schaffen. Der Großteil der Bevölkerung habe die "Riesengarde" geschätzt und sei für ihren Schutz dankbar gewesen. Heute ist die Zuneigung zu den "Langen Kerls" nicht mehr so ungebrochen. Ablehnung schlage ihnen vor allem aus der linken Szene entgegen, sagt Liebenehm. Auch Politiker seien oft darauf bedacht, nicht mit Begriffen wie Monarchie oder

Militär in Verbindung gebracht zu werden.

32 aktive und noch einmal so viele fördernde Mitglieder zählt der Verein heute. Der Nachwuchs wird langsam knapp. "Viele von uns gehen schon auf die 60 zu", sagt Liebenehm. Deshalb werde im Sommer erstmals nach Jahren wieder eine öffentliche Musterung stattfinden. Einzige Voraussetzung: eine Körpergröße von "mindestens sechs preußischen Fuß."

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