Sinnvolle Beschäftigung für Arbeitslose : Gärtnern für Bedürftige

Lucyna Vogel und Klaus Jürgen Hampel arbeiten im Projekt „Pauline Früchtchen“.
Lucyna Vogel und Klaus Jürgen Hampel arbeiten im Projekt „Pauline Früchtchen“.

In Frankfurt (Oder) bauen Erwerbslose Obst und Gemüse an. Das Projekt heißt „Pauline Früchtchen“ und ist mehr als nur Gartenarbeit.

svz.de von
22. September 2017, 05:00 Uhr

Wenn Katrin Schröder Unkraut harkt, reife Tomaten erntet oder Kartoffeln aus dem Boden buddelt, vergisst sie die täglichen Sorgen und Probleme für kurze Zeit. Seit der Wende hangelt sich die Facharbeiterin für Obst- und Gemüseverarbeitung von einem Gelegenheitsjob zur nächsten ABM und zur weiteren Qualifizierung - ohne Aussicht auf Besserung. In diesem Jahr hat die 52-jährige alleinstehende Mutter zweier Kinder dank der Frankfurter Arbeitsloseninitiative eine sinnvolle Beschäftigung gefunden, die ihr Spaß macht. „Mit Obst und Gemüse kenne ich mich aus. Ohnehin bin ich zum Arbeiten lieber draußen als im Büro“, sagt sie und hofft, 2018 wieder bei „Pauline Früchtchen“ mitmachen zu können.

Mit 18 weiteren Langzeitarbeitslosen pflegt sie auf 1,50-Euro-Basis neun Parzellen in der Frankfurter Kleingartensparte „Paulinenhof“. Die mehr als 3000 Quadratmeter große grüne Idylle ist dicht bepflanzt mit Obst, Gemüse, Kräutern und Blumen. Was geerntet wird, bereichert die Frankfurter Tafel für rund 1800 Bedürftige oder geht in die Suppenküche, die täglich Hunderte Kunden mit einer warmen Mahlzeit versorgt. „Wir setzen ja auf gesunde Ernährung - auch bei schmalem Geldbeutel“, betont Maritta Seibold, Geschäftsführerin der Arbeitsloseninitiative.

Dieser Grundsatz beginnt beim biologischen Anbau von Obst und Gemüse. „Bei uns wird keine Chemie eingesetzt - weder als Pflanzenschutzmittel, noch als Dünger“, sagt Projektleiter Egbert Noack. Angebaut werde, was satt mache: Porree, Kohl, Sellerie, Mohrrüben, Radieschen, Erdbeeren, Äpfel. Mit Exoten wie Physalis oder Mangold habe er hingegen nicht punkten können, sagt Noack. Gerade im Sommer sei das Spenden-Angebot der Supermärkte gering und häufig alles andere als frisch, sagt Geschäftsführerin Seibold.

So entstand die Idee, dass Arbeitslose in einer Art Tafelgarten etwas Sinnvolles für andere Bedürftige tun. Positiver Nebeneffekt: Brachliegende Kleingärten wurden auf Vordermann gebracht. „Als wir anfingen, waren die drei Parzellen eine einzige, verwilderte Müllhalde“, erzählt Noack. Wege und Beete wurden angelegt, Wasserleitungen installiert, die Lauben instand gesetzt.

Es kamen weitere Parzellen hinzu. „Hier gibt es etliche Gärten, die keinen Pächter mehr haben, ein Jammer“, sagt Gartennachbar Klaus-Dieter Bereit. Er findet toll, dass sich die Arbeitsloseninitiative zumindest einiger verwilderter Brachen angenommen hat und sie bewirtschaftet. „Die Leute, die hier gärtnern, sind fleißig und hilfsbereit“, lobt er. Wegen der guten Kontakte spenden Gartennachbarn eigenes Obst und Gemüse.

Im Vordergrund steht bei „Pauline Früchtchen“ laut Projektleiter Noack nicht, dass die Gartenhelfer im Akkord Obst und Gemüse anbauen, sondern die Sozialarbeit. „Langzeitarbeitslose brauchen eine Aufgabe, eine Chance, zu zeigen, dass sie nicht nutzlos sind“, erzählt der 61-Jährige, zu dessen Team ein Sozialarbeiter gehört. Bisher haben sie knapp 250 Gartenhelfer auf Zeit betreut. Viele von ihnen fühlten sich ausgemustert und hätten in dem Projekt neben neuen sozialen Kontakten endlich wieder Erfolgserlebnisse, ergänzt Seibold.

„Kontakte sind wichtig. Da trifft man sich besser hier als in der Kneipe“, sagt der gelernte Elektriker Rainer Krüger, der eine Saison bei „Pauline Früchtchen“ arbeitete. Ein Ende der Garten-Saison ist absehbar. Gewächshäuser werden ausgebessert, Beete umgegraben, letzte Früchte geerntet. Ende Oktober ist Schluss für dieses Jahr.

Wer 2018 als Gartenhelfer mitmacht, entscheidet das Jobcenter. „Es handelt sich um Arbeitsgelegenheiten für Menschen, die ohne weiteres auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Job finden“, sagt Clarissa Matos Bernal, Sprecherin der Arbeitsagentur Frankfurt(Oder). Ziel seien soziale Teilhabe und bessere Beschäftigungsfähigkeit. „Es geht langfristig darum, im Arbeitsleben wieder Fuß zu fassen. Einige Frankfurter, die in dem Gartenprojekt waren, fanden Jobs in grünen Berufen.“  

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