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Oder-Spree-Kanal : Fürstenwalde als Nadelöhr

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ohne Modernisierung der Schleusen droht dem Oder-Spree-Kanal das Ende und damit massive Einbußen für Wirtschaft und Tourismus

svz.de von
erstellt am 11.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Der Oder-Spree-Kanal wurde vor 125 Jahren eröffnet. Der Verkehr auf der 83 Kilometer langen Wasserstraße, die Berlin mit der Oder verbindet, könnte besser laufen, wenn alle vier Schleusen modernen Ansprüchen genügten. Janet Neiser sprach mit Robert Radzimanowski von der Industrie und Handelskammer Ostbrandenburg.

Welche Bedeutung hat der Oder-Spree-Kanal für Ostbrandenburg?
Robert Radzimanowski: Der Oder-Spree-Kanal hat eine sehr hohe Bedeutung für die Region, weil er die Möglichkeit eröffnet, die anderen Verkehrsträger zu ergänzen. Das ist ganz entscheidend für den Transport großvolumiger Anlagen und Ladungen, so wie wir das gesehen haben mit der Papiermaschine für Propapier in Eisenhüttenstadt. Solche Teile würden sonst gar nicht auf dem Landweg ans Ziel kommen.

Zudem sorgt so eine Wasserstraße durch die Konkurrenz zu anderen Verkehrsträgern dafür, dass die Logistikpreise für Unternehmen etwas günstiger gestaltet werden können. Was insgesamt zu einem Standortvorteil der Wirtschaft führt. Und auch zu einer Standortverbesserung, weil wir in der Regel unsere Zielmärkte ja nicht gleich vor der Haustür haben.

Es heißt aber immer wieder, auf dem Kanal würden kaum große Schiffe fahren.
Die Wasserstraße ist ganz wichtig, hat aber im Moment noch ein entscheidendes Nadelöhr, und das ist die Schleuse Fürstenwalde. Die ist 125 Jahre alt und muss mit den Abmessungen von vor 125 Jahren nach wie vor zurechtkommen. Die Kammerlänge beträgt gerade einmal gut 67 Meter. Das sorgt dafür, dass wir im Moment nicht mehr Verkehr auf dem Kanal haben, weil es schlicht keine Binnenschiffe mehr gibt, die wir durch diese kleine Schleuse kriegen.

Sie gehen also davon aus, dass der Verkehr auf dem Kanal dichter wäre, wenn Fürstenwalde eine größere Schleuse hätte?
Ja. Wir haben im Moment schon über eine halbe Million Tonnen Güter, die pro Jahr durch die Schleuse Fürstenwalde geschleust werden. Und wenn wir dann auf den Bundesverkehrswegeplan schauen, ist das ungefähr die Menge, die für das Jahr 2030 prognostiziert wird. Die Werte erreichen wir heute schon. Wenn wir wirklich eine Schleusenverlängerung bekommen sollten, haben Gutachten gezeigt, dass es dort eine erhebliche Steigerung geben würde. Schätzungen gehen von bis zu zweieinhalb Millionen Tonnen aus.

Das wäre nicht nur gut für den Kanal, sondern würde auch gleichzeitig die Autobahn, die A 12, entasten, und zum Teil auch die Schienenverkehre. Das wäre also eine sinnvolle Entlastung in dieser Ost-West-Richtung. Denn der Verkehr Ost-West wird weiter zunehmen, davon gehen auch alle Prognosen des Bundes aus. Wir sehen den Kanal auch als wichtiges Element in der Verbindung zwischen Deutschland und Polen.

Der Ausbau der Schleuse Fürstenwalde wurde vom Bund immer wieder zurückgestellt, steht in einer Kategorie, die auf 2030 vertröstet für weitere Überlegungen. Denken Sie, dass sich da davor etwas tun?
Wir sind intensiv im Dialog mit dem Bund und mit dem Land, dass wir eine Veränderung der Einstufung im Entwurf des Bundesverkehrswegeplanes kommen. Es gab auch die Möglichkeit, bis zum 2. Mai Stellung zu beziehen. Da sehen wir eine ganz wichtige Stellschraube. Aus der Region gibt es da ein einheitliches Votum und übrigens auch einen Landtagsbeschluss über alle Fraktionen hinweg, die gesagt haben: Wir brauchen den Kanal, wir brauchen die Schleuse Fürstenwalde. Das muss am Ende auch dazu führen, dass wir ans Ziel kommen.

Gleichzeitig sind wir mit Unternehmen dabei, dem Bund ein Angebot zu machen, im Zweifel eine Vorfinanzierung des Schleusenausbaus vorzunehmen, das heißt, den Staat ein Stückchen weit zu entlasten. Einfach weil es wichtig ist für die Binnenschifffahrt, aber auch für den Tourismus. Wenn die Schleuse Fürstenwalde zumachen muss, weil sie zu baufällig ist, dann ist das auch der Todesstoß für den Wassertourismus.

Und der Todesstoß für die Wirtschaft?
Viele Unternehmen entlang des Kanals wären betroffen. Die Neue Oderwerft in Eisenhüttenstadt wäre beispielsweise abgehängt. Ebenso die Zementwerke Berlin, die Kalk und Zement aus Eisenhüttenstadt holen. Genau wie FGL in Fürstenwalde. All die Güter, die man dort verlädt, würden zusätzlich auf die Straße kommen. Das wollen wir, glaube ich, alle nicht.

Man hängt da eine ganze Region ab. Wir haben das Glück, dass wir Vorfahren hatten, die so weitsichtig waren und diese Kanäle angelegt und damit wirtschaftliche Entwicklung in der Region ermöglicht haben. Ohne den Oder-Spree-Kanal hätten wir viele der heutigen Ansiedlungen nicht. Auch ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt hätte es ohne die Wasseranbindung wohl nie gegeben. Das gilt es, zu retten und es an heutige Bedingungen anzupassen. Es würde ja auch keiner mehr auf die Idee kommen, zu sagen, wir fahren mit der Dampflok, weil wir keine Oberleitungen bauen wollen. Und genau so ist es hier, wenn wir eine vernünftige Logistik und Nutzung der Wasserstraße haben wollen, dann müssen wir sie auch an die Verhältnisse des 21. Jahrhunderts anpassen.

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