Blickpunkt : „Für mich ist es ein Traumjob“

Sozialarbeiterin Kristina Hoppe kümmert sich vor allem darum, dass die Kinder Plätze in Schulen und Kitas bekommen, Behördenanträge richtig gestellt werden und es keine Konflikte gibt  Fotos: britta pedersen
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Sozialarbeiterin Kristina Hoppe kümmert sich vor allem darum, dass die Kinder Plätze in Schulen und Kitas bekommen, Behördenanträge richtig gestellt werden und es keine Konflikte gibt Fotos: britta pedersen

Fünf Besuche im Alltag der Integration

svz.de von
28. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Eine junge Frau mit Kopftuch und ein Mann mit schwarzen Locken strecken ihre Arme fast bis zur Decke. Die beiden Flüchtlinge können kaum Deutsch. Doch die Frage von Anne Kleiber haben sie verstanden: „Wer will der Funkturm sein? Wer das Brandenburger Tor?“ Jetzt stellen die beiden die Berliner Sehenswürdigkeiten mit ihrem Körper dar. Sie müssen lachen. Es ist eine spezielle Form des Deutschunterrichts. So wie bei der Sprachlehrerin verändert sich für Zehntausende Deutsche der Beruf durch die Flüchtlinge im Land. Fünf Besuche in diesem neuen Arbeitsalltag zeigen eine besondere Mischung aus Hoffnung, Ideen und Ohnmacht:

DIE SPRACHLEHRERIN

Für Anne Kleiber sind die Flüchtlinge eine Chance. Seit zwei Jahren ist die 50-Jährige arbeitslos. Als die Flüchtlingskrise noch auf ihrem Höhepunkt war, Ende 2015, ging sie zuhause in Köln kurzerhand zu einer Flüchtlingseinrichtung bei ihr um die Ecke. Ehrenamtlich wollte sie Deutschförderung machen. „Noch ohne den Gedanken, dass daraus ein Beruf werden könnte.“ Anfangs stieß sie schnell an Grenzen, wusste nicht, wie sie ihren teils erwachsenen Schülern etwas beibringen sollte.

Nun ist sie nach Berlin gekommen, in einen 120 Jahre alten Ziegelbau der Malteser. Sie lässt sich nach einer neuen Methode zur Sprachtrainerin speziell für Flüchtlinge weiterbilden. Die Methode stammt aus Liechtenstein, die Botschaft des Fürstentums organisiert den Kurs. Mit Rollenspielen, Bildern und selbstgemalten Stadtplänen sollen die Hemmschwellen der Ausländer beim Sprung in die fremde Sprache sinken und Fixpunkte im neuen Land plastisch werden. „Wenn sie eine Lehre machen wollen, müssen sie erstmal keine Wörter deklinieren können, sie brauchen Alltags- und Fachwörter“, sagt Kleiber. Sie selbst möchte aus dem Ehrenamt jetzt einen richtigen Job machen. „Ein fester Vertrag wäre schön.“

Etwas später, zurück in Köln, hat Kleiber zwar noch keinen entsprechenden Job. Aber im Januar hat sie doch immerhin einen Gesprächstermin mit einem Anbieter von Integrationsstunden – und hofft, mit ihrer neuen Methode regulär arbeiten zu können.

DER SECURITY-MITARBEITER

Khalil Mabrouki hatte schon Karriere als Fußballprofi und -trainer gemacht, als er in einer Erstaufnahmeeinrichtung bei Potsdam anfing. Dort waren Afghanen, Syrer, Albaner, Tschetschenen, Serben. Es gab Spannungen, die Stimmung war nicht immer gut. Der gebürtige Marokkaner teilte Neuankömmlingen Zimmer zu, er verteilte Taschengeld, schlichtete Streit. „Ich redete mit den Leuten, statt ihnen gleich hart zu kommen“, sagt er. „Das hatten sie genug, da wo sie her sind.“ Zu Hilfe kam ihm, dass er außer Deutsch auch Arabisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht. Für den Fußball war er außer in Marokko im Oman, in der Elfenbeinküste und zehn Jahre in Italien. Die deutsche Staatsangehörigkeit hat er seit 1997, wegen Frau und Tochter wollte er nicht weiter durch die Welt ziehen.

Mabrouki wechselte den Arbeitgeber, aber nicht die Branche: Heute arbeitet er in einer ehemaligen Nervenklinik in Berlin. 400 Flüchtlinge wohnen hier, davon 150 minderjährig. Gerade hat er Nachtschicht. Im gläsernen Pförtnerhäuschen erzählt er, worauf es bei seinem Job vor allem ankommt: Alle müssen die Hausordnung beachten. Bei regelmäßigen Runden übers Gelände achtet er darauf, dass Kinder nicht aus dem Fenster herausrufen - wegen der Nachtruhe. Und niemand darf in den Gebäuden rauchen - Brandschutz. Mabrouki ist zufrieden. Seine Trainerlizenz hat der 48-Jährige aber noch in der Tasche. Und einen Agenten beim Fußballverband Fifa hat er auch.

DIE SOZIALARBEITERIN

Die verzweigte Unterkunft, in der Mabrouki arbeitet, ist ein Mikrokosmos zwischen Ankommen und Abwarten. Sie hat neonbeleuchtete Gänge mit Linoleumböden und Gemeinschaftsküchen, in denen die Bewohner das Essen ihrer Heimat zubereiten. Bei manchen Bewohnern scheint der Lebensmut erloschen, sie haben alles verloren, sind lethargisch. Ab und zu kommt es zu nationalistischen Anfeindungen zwischen den Bewohnern. Die meisten aber wollen etwas erreichen und besuchen Integrationskurse. „Madrasa? ist bei Familien die erste Frage“, sagt Kristina Hoppe, arabisch für „Schule?“.

Die 30-Jährige ist Sozialarbeiterin und kümmert sich darum, dass die Kinder Plätze in Schulen und Kitas bekommen, alle möglichen Behördenanträge richtig gestellt werden und keine Konflikte aufbrechen. Das kann schwer sein. Gerade für Migrantenkinder ist ein Kitabesuch wichtig, vor allem wegen der Sprache. Aber es gibt Wartelisten. In der Zeit betreuen meist die Mütter ihre Kinder in der Unterkunft. Sie selbst können dann nicht gleichzeitig Deutschkurse besuchen.

„Für mich ist es ein Traumjob“, sagt Hoppe dennoch. Kein Tag ist so richtig planbar, oft hat sie das Gefühl, etwas bewegen zu können.

DIE ERZIEHERIN

Wenn Kinder es in eine Kita geschafft haben, kommen sie zum Beispiel zu Elke Schaeffer. Die 55-Jährige ist Erzieherin in einer Kita, die auch Flüchtlingskinder aufnimmt. Das machen nicht alle Kitas. „Ich weiß nicht, wovor sie Angst haben“, sagt Schaeffer. Doch es gibt einen Wettbewerb um gute Kita-Plätze. Vorbehalte kommen hoch. Als in der Kita ein Fall von Krätze auftrat, äußerte ein Vater den Verdacht, das komme wohl von einem Flüchtlingskind. Doch es stellte sich heraus, dass ein Praktikant die juckende Hautkrankheit hatte.

„Selbst wenn die Kinder mit ihren Eltern ihre Muttersprache sprechen, lernen sie in der Kita schnell Deutsch“, berichtet Schaeffer. Wäre ein arabisch sprechender Erzieher da, würde das die Erfolge der Kleinen eher hemmen, meint sie. Gut fände sie mehr Personal, etwa damit sich ein Erzieher öfter Einzelnen zur Sprachförderung widmen könnte. Es scheint angesichts des Kita-Fachkräftemangels wie ein frommer Wunsch. Die Arbeit mit Flüchtlingskindern ist für Schaeffer nicht anders als mit deutschen. „Manchmal ist man ohnmächtig“, sagt sie aber. Sie erzählt von einem Mädchen aus Bosnien. „Ich weiß nicht, was sie erlebt hat, sie hat sehr viel geweint.“ Wochenlang. Die Eltern redeten nicht über die Erlebnisse. „Es war ganz schlimm auszuhalten, dass man ihr nicht helfen kann.“ Doch nach einem Vierteljahr fing sich das Mädchen. Zum Fasching lachte die Kleine mit anderen, die Tränen verebbten.

DER HAUPTKOMMISSAR

Mit seiner Frau hatte der 48-jährige Hauptkommissar Detlef Wagner überlegt, für eine Zeit in ein Krisengebiet zu gehen. Er unterrichtete an der Landespolizeischule, es ging um Rassismus, auch mit Flüchtlingen hatte er zu tun. „Plötzlich war das Krisengebiet vor der Tür.“ Als die Zustände am Lageso 2015 immer schlimmer wurden und sich dort Tausende Flüchtlinge drängelten, ging Wagner hin und half, die Not zu lindern. Dann wandelte er das ICC mit zur Flüchtlingsstation um.

Wagner gehört zur mittleren Führungsebene, so ein Riesenhaus zu leiten, erfordert bei der Polizei eigentlich die höhere Ebene. Doch die Zeiten sind nicht normal. Für rund 44 000 Asylbewerber ist das ICC noch zuständig, alle möglichen Anträge werden koordiniert, Leistungen geprüft. Wagner ist stolz: Es funktioniere gut. Er zeigt die robusten Metallschleusen im Foyer, rund ein Meter hohe Gänge mit als Wellenbrecher dienenden Barrieren dazwischen. Der tägliche Ansturm von Flüchtlingen wird so geordnet. Mit dem Chaos ist es vorbei.

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