Trockenheit : Frosch, Lurch und Molch fehlt Wasser

Ranger Ulf Bollack betrachtet den Fang mit Reusen für Amphibien aus dem Wasser des Höllbergteiches.
Ranger Ulf Bollack betrachtet den Fang mit Reusen für Amphibien aus dem Wasser des Höllbergteiches.

Die 16 märkischen Amphibienarten leiden unter der Trockenheit / Die Naturwacht, die beim Monitoring Daten sammelt, kommt zu alarmierenden Ergebnissen

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23. Mai 2020, 05:00 Uhr

In Wathosen und Handschuhen steigt Ulf Bollack vorsichtig in den Höllenbergteich bei Langengrassau (Dahme-Spreewald), tastet sich durch blühenden Wasserhahnenfuß und Armleuchteralgen. Am Abend zuvor hat der Ranger der Brandenburger Naturwacht vier spezielle Reusen in dem Gewässer des Naturparks Niederlausitzer Landrücken ausgelegt. Jetzt fischt er sie wieder aus dem flachen Wasser und begutachtet seinen Fang. Neben Libellen- und Wasserkäferlarven haben sich auch zehn Teichmolche darin verirrt.„Wonach ich eigentlich suche, schon im dritten Jahr, ist leider nicht dabei“, sagt der 58-Jährige etwas enttäuscht.

Bollacks Aufgabe ist der Nachweis in Brandenburg selten gewordener Kammmolche. In einem anderen Gewässer des Naturparks ist ihm das im April endlich gelungen, der Ranger fing ein trächtiges Weibchen, das Hoffnung macht auf eine Vermehrung dieser Amphibien.

Warum die größte in Deutschland beheimatete Molchart aber den Höllenbergteich bisher meidet, ist dem Diplomingenieur für Landschaftsnutzung und Naturschutz ein Rätsel. Denn eigentlich ist das Gewässer ein Paradies für Amphibien: von der Sonne beschienen und von zwei Zuläufen mit Frischwasser gespeist.

Zudem gibt es jede Menge Insekten und Krebstiere als Nahrung, aber keine Fische, die den Laich auffressen könnten. Der Ranger hat schon mehrfach erlebt, dass Unbekannte Goldfische in kleinen Gewässern aussetzten - mit verheerenden Folgen. „Das war es dann mit dem Amphibien-Nachwuchs.“ Vielleicht braucht Bollack, einer von knapp 100 Rangern in den 15 märkischen Großschutzgebieten, am Höllenbergteich nur etwas Geduld.

Erst vor drei Jahren war der verlandete, von Schilf fast zugewucherte Teich von der Agrargenossenschaft Langengrassau ausgebaggert, mit Tonmatten im Untergrund ausgekleidet und renaturiert worden. „Das war eine vorbildliche Ausgleichsmaßnahme für die Erweiterung von Viehställen an anderer Stelle“, lobt der Ranger.

Sieben kleine Kontrollgewässer hat er in seiner Verantwortung, vier davon sind im Frühjahr bereits ausgetrocknet.„Jetzt ist Laichzeit bei den Amphibien. Die geschlüpften Larven wachsen im Wasser heran. Wenn das fehlt, können sich Molche, Frösche und Kröten nicht vermehren“, macht er deutlich. Auch der Teich, in dem Bollack den ersten Kammmolch seit drei Jahren fing, droht jetzt auszutrocknen.

Molche zählen neben Braunfröschen zu den Amphibiengruppen, deren Rückgang in der Mark gravierend sei, sagt der Sprecher der Brandenburger Naturwacht, Johannes Müller. „Wir betreuen in den Naturlandschaften 36 Amphibienzaun-Standorte mit insgesamt mehr als elf Kilometern Länge entlang von Straßen. Was wir dort im vergangenen Jahr erfasst haben, ist erschreckend wenig“, erklärt er.

Im Vergleich zum Mittelwert der Vorjahre habe sich die Zahl der Amphibien halbiert. Noch extremer sei der Rückgang allein bei Molchen. 2014 bis 2018 hätten Ranger landesweit durchschnittlich 5600 Tiere pro Jahr gezählt, im vergangenen Jahr seien es lediglich 1860 Exemplare gewesen.

Inzwischen ist die diesjährige Frühjahrswanderung der Amphibien zu den Laichplätzen beendet. „Wir zählen noch, aber es lässt sich schon jetzt sagen, dass sich diese Negativtendenz bei allen 16 in Brandenburg vorkommenden Arten fortsetzt“, sagt Müller. Der Klimawandel und die daraus resultierende Trockenheit seien dafür hauptverantwortlich. Inwiefern auch das Insektensterben eine größere Rolle spiele, sei noch nicht untersucht worden.„Diese Entwicklung verwundert mich nicht. Aufgrund der Trockenheit hatten Amphibien in Brandenburg in den vergangenen zwei Jahren nur noch zehn Prozent ihrer Laichgewässer, alles andere war ausgetrocknet“, sagt Biologe Frank Gottwald, der für das Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschug (ZALF) in Müncheberg arbeitet.

Amphibien benötigten nicht nur in den Laichgebieten, sondern auch an Land Feuchtigkeit, ergänzt Müller. „Wenn von oben nicht mehr viel kommt, müssen wir versuchen, das Wasser in der Landschaft zu halten.

Da haben Landwirtschaft und Naturschutz tatsächlich das gleiche Problem“, erklärt der Naturwacht-Sprecher. Das bestätigt der Präsident des Brandenburger Bauernverbandes, Henrik Wendorff. „Beide Seiten haben in der Vergangenheit Fehler gemacht - wir, weil wir das Wasser von den Feldern bekommen wollten, die Naturschützer, weil sie am liebsten alles vernässt hätten.“ Er fordert vom Land ein Wassermanagement, das sowohl dem Naturschutz als auch den Landwirten gerecht wird und unterschiedliche Interessen berücksichtigt. „Die Wetterextreme werden sich häufen, damit klug umzugehen - da stehen wir noch ganz am Anfang“, sagt Wendorff.

Gewässer müssten gepflegt und reguliert werden können, sagt Ranger Bollack. „Das betrifft sowohl den kleinen Teich als auch Feldsölle auf den Äckern.“ Noch immer gebe es Bauern, die sich da wenig einsichtig zeigten, so Biologe Gottwald. „Konzepte funktionieren nur großflächig, nicht wenn der eine so und der andere es genau umgekehrt will.“ Als positiven Ansatz nennt er das Landesförderprogramm „Moorschonende Stauhaltung“, bei der Landwirte entschädigt werden, wenn sie ganzjährig einen hohen Wasserstand auf Grünland halten.

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