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Personalnot : Friseurbetriebe im Krisenmodus

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kunden sind bereit, höhere Preise zu zahlen – dennoch müssen vielerorts Läden schließen

svz.de von
erstellt am 13.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Der Fachkräftemangel erreicht in Brandenburg die Friseur-Geschäfte. Läden müssen wegen Personalnot schließen, auch weil sich die Branche mit einigen Gepflogenheiten zusätzlich selbst schadet.
Zehn Läden hatte Ondine Ballnus im Raum Königs Wusterhausen noch vor wenigen Jahren. Inzwischen sind es sieben, bald vielleicht sogar nur sechs Filialen, vermutet die Chefin. Und das nicht etwa, weil Kunden fehlen oder die Leute seltener kommen, weil es ihnen zu teuer ist. Hauptproblem ist, dass es derzeit auf dem Arbeitsmarkt zu wenige gute Friseurinnen und Friseure gibt.

„Der Fachkräftemangel macht nicht nur mir große Sorgen. Auch in Nachbarorten mussten bereits Läden schließen“, sagt Ondine Ballhaus. Als Obermeisterin der regionalen Friseurinnung hat sie den Überblick. Und sie kennt die Hintergründe für den Abwärtstrend. Der Mindestlohn spielt dabei eine Rolle.

Vor seiner Einführung waren Stundenlöhne unter fünf Euro keine Seltenheit. Nach mehreren Anhebungen sind inzwischen 8,84 Euro Pflicht. Dementsprechend teurer ist der Friseurbesuch für die Kunden geworden. Mehrheitlich zahlten sie den Aufschlag gern, erwarteten dafür aber zu Recht auch mehr Service, erklärt die Friseurin.

Gleichzeitig wachse von Seiten der Ladeninhaber der Druck auf die Angestellten, den höheren Lohn durch entsprechenden Umsatz zu rechtfertigen. Schließlich müsse sich der Betrieb rechnen. „Früher konnte man auch mal jemand durchschleppen, der nicht so fleißig war“, sagt Ondine Ballnus. Heute gehe das nicht mehr. Die Folge sei, dass Angestellte, die sich den Anforderungen nicht gewachsen sehen, von sich aus die Branche wechseln oder das Unternehmen sich von ihnen trennt.

Ina Ludwig, Friseur-Obermeisterin im Kreis Oberhavel, beschreibt den Personalmangel ebenfalls als dramatisch, sieht aber die Gründe auch in der Vergangenheit. Vor der Einführung des Mindestlohns seien zu viele Kollegen wegen der schlechten Bezahlung aus der Branche geflüchtet, sagt sie.

Ina Ludwig sucht für ihren Laden gerade vergeblich Personal. „Die Kunden sind da, sie wollen zahlen, aber ich habe keine Leute.“ Die Folge sei, dass sie als Chefin selbst bis zu 60 Stunden pro Woche am Stuhl stehe. Bei der Ursachensuche kommt sie auf Image-Probleme zu sprechen, die ebenfalls aus der Vergangenheit rühren.

Eltern würden ihren Töchtern den Berufswunsch Friseurin ausreden. Das erlebe sie leider zum Beispiel auf Messen, erzählt die Obermeisterin. „Dabei ist es ein ganz toller Beruf, der inzwischen auch besser bezahlt wird“, beteuert Ina Ludwig. „Wir lassen uns mehr Zeit für die Kunden, wir verwöhnen sie. Die Zeiten einer Bedienung zwischen Tür und Angel sind vorbei.“

Ein weiteres Problem setzt der Branche massiv zu. Das Stichwort dazu lautet: Atomisierung. Es gibt immer mehr Ein-Mann-Geschäfte sowie sogenannte 17 500-Euro-Läden. Vor allem letztere sind Ina Ludwig ein Dorn im Auge. Wer als Kleinunternehmer weniger als 17 500 Euro Jahresumsatz macht, kann sich von der Umsatzsteuer befreien lassen. In der Friseurbranche eine verbreitete Masche. „Diese Kollegen können natürlich niedrigere Preise machen als wir, die wir Steuern zahlen“, kritisiert Obermeisterin Ludwig.

Für Miss-Stimmung sorge auch, dass die Kleinbetriebe nicht ausbilden. Die Kleinunternehmer-Regelung müsse weg, fordert Ina Ludwig. Wie das zu erreichen sein könnte, vermag sie aber nicht zu sagen. Ebenso ratlos ist Ondine Ballnus mit Blick darauf, wie dem übermäßigen Drang in die Selbstständigkeit begegnet werden könnte. Filialleiterinnen mit dem teuer bezahlten Meisterbrief in der Tasche würden reihenweise eigene Läden mit höchstens einem weiteren Angestellten eröffnen.

Das Problem sei nicht nur, dass diese Kollegen dann ihren Stamm-Läden fehlen. „Kleine Läden müssen immer wieder Kunden wegschicken, weil sie schnell ausgelastet sind. Auch zu kurze Öffnungszeiten verprellen die Leute“, konstatiert Ondine Ballnus.

Auch wirtschaftlich sei die Selbstständigkeit nur bedingt zu empfehlen. „Nach drei, vier Jahren kommt bei vielen das böse Erwachen.“ Sehr kleine Läden würden sich kaum rechnen.

 

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