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Uckermark : Freiheit für Kranich „Paulinchen“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach dem Winter kehren die imposanten Zugvögel zurück – auch für ein junges Kranichmädchen wurde es Zeit

Der erste Versuch endet im Gartenzaun. Doch dann macht sich Kranichmädchen „Paulinchen“ mit kräftigen Flügelschlägen auf und davon - zurück in die Freiheit. Für die Zieheltern des knapp einjährigen Tieres heißt es Abschiednehmen. „Ich hätte gedacht, sie hat mehr Probleme damit, weil sie das Fliegen bisher nicht üben konnte“, sagt der pensionierte Tierarzt Eberhard Henne. Gemeinsam mit seiner Frau Beate Blahy hat der frühere Brandenburger Umweltminister den Pechvogel in den vergangenen Monaten versorgt - und ihn auf die Freiheit vorbereitet.

Über Monate haben die beiden Kranichexperten „Paulinchen“ mit dem gebrochenen Bein im Gewächshaus ihres Gartens nahe Greiffenberg (Uckermark) beherbergt und mit Geflügelherzen sowie Haferflocken aufgepäppelt. Ein Fischer hatte das verletzte Tier, das in seinem Zustand niemals hätte in den Süden fliegen können, im vergangenen Herbst zu ihnen gebracht.

Henne und seine Frau, die in der Verwaltung des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin arbeitet, haben schon mehrfach Kranich-Junge großgezogen und verletzte Vögel gesund gepflegt. Beide sind Mitglieder der Brandenburger Landesarbeitsgruppe Kranichschutz. „Henne ist der Urvater des Kranichschutzes in Brandenburg“, schildert Ralf Donat, Sprecher der Arbeitsgruppe. Wenn es jemanden gelänge, verletzte oder zu junge Vögel zu betreuen, um sie wieder auszuwildern, dann den beiden. „Sie sind die absoluten Spezialisten.“

Die meisten Verletzungen von Kranichen erfolgen durch Freileitungen.„Unsere Landschaften sind sehr verdrahtet“, schildert Günter Nowald, Leiter des Kranich-Informationszentrums in Groß Mohrdorf im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern. „Bei unglücklichen Anflügen schlagen sich die Kraniche dann ein Bein ab. Das kommt leider öfter vor als man denkt.“ Tierarzt Henne berichtet von einer Zunahme in den vergangenen Jahren.

Paulinchens gebrochenes Bein wuchs nach dem Unfall trotz aller Bemühungen nicht zusammen. Um in der Bewegung auf dem Boden das Gleichgewicht zu halten, muss das Vogelmädchen meist mit den Flügeln schlagen. Ein Umstand, der sie bei gesunden Kranichen zur Außenseiterin machen könnte, befürchtete Blahy. Denn Kraniche laufen viel, „Paulinchen“ aber hopst vorwärts. „Wer anders ist, wird gemobbt. Das ist wie bei Menschen“, so die 61-Jährige.

Es gebe aber viele Beispiele und Beobachtungen dafür, dass gehandicapte Kraniche erstaunlich gut mit ihrer Behinderung leben könnten, schildert Donat. „Kraniche kommen relativ gut damit klar“, meint auch Zentrumsleiter Nowald. In der Regel würden sie sich allerdings nicht mehr paaren. Die Reproduktion gelänge angesichts von Gleichgewichts-problemen wegen des fehlenden Beines nicht mehr.

Ungeachtet dessen wurde es für Paulinchen Zeit, das behütete Nest zu verlassen. Denn schon Mitte Februar, so berichten die zwei Naturschützer, waren die ersten Kranichpaare aus dem Süden in ihre Reviere zurückgekehrt. „Die Paare stehen schon morgens auf dem Feld, schreien rum und verteidigen ihr Revier gegenüber Neuankömmlingen“, erläutert der 73-jährige Henne.

Die etwa 9000 in Deutschland heimische Kranichpaare sind bereits an ihre Plätze zurückgekehrt. Auch die meisten der bis zu 100 000 Zugkraniche seien über Deutschland nach Skandinavien gezogen. „Das hat sich alles durch das Klima verschoben. Die Brut ist nach vorne gerückt“, berichtet Nowald.

In Brandenburg brüten jährlich etwa 2700 Paare. Genug Nahrung gibt es in den kleinen Tümpeln oder Söllen, berichtet Naturschützer Henne. „Ringsherum gibt es fast nur Flächen, auf denen ökologischer Landbau betrieben wird. Käfer, Würmer, Heuhüpfer sind nicht durch den Einsatz von Pestiziden ausgerottet“ - gute Voraussetzungen für Paulinchen, Anschluss an Artgenossen zu finden. In den letzten Tagen bei den Zieheltern habe sie bereits auf die Rufe der anderen Kraniche geantwortet und sei immer unruhiger geworden, schildert Blahy.

Auch wenn der Abschied schwer fiel - die Auswilderung des Schützlings war für das Paar in der Uckermark das Ziel. Es bleibt der Blick in die Ferne: Mit dem Fernglas beobachtet Blahy „Paulinchens“ erste Tage in der Freiheit und sieht, wie sie am Feldrand vor Einbruch der Dunkelheit in einer Gruppe von Kranichen steht, ohne dass ein anderer Vogel sie attackiert.  

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