Fransen für den Starregisseur

Kein Museumsstück: Jens Lipsdorf an einem der zwei Jacquard-Webstühle, die in der Forster Posamenten Manufaktur eingesetzt werden. Oben am Webstuhl sind die weißen Lochkarten zu sehen, die die Bortenmuster bestimmen. Ulrike Worlitz
Kein Museumsstück: Jens Lipsdorf an einem der zwei Jacquard-Webstühle, die in der Forster Posamenten Manufaktur eingesetzt werden. Oben am Webstuhl sind die weißen Lochkarten zu sehen, die die Bortenmuster bestimmen. Ulrike Worlitz

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12. Mai 2010, 01:57 Uhr

Forst | Franse für Franse arbeitet sich Kathrin Kimmritz per Hand vor. Die üppig verzierten, historisch nachempfundenen Textilien, die sie fertigt, sollen ein Portal in der Saalstube des Branitzer Schlosses in Cottbus zieren. Das erste Quartal im Jahr 2010 war für Kimmritz Arbeitgeber, die Firma Posamenten Manufaktur in Forst im Landkreis Spree-Neiße das bislang beste. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum spricht Geschäftsführer Jens Lipsdorf von einer Steigerung von mehr als 100 Prozent. "Wir schreiben schwarze Zahlen", sagt der 42-Jährige. Ein großer Erfolg für die kleine Vier-Mann-Manufaktur.

Seit drei Jahren führt die Werkstatt in Forst die Produktion des ehemaligen preußischen Hoflieferanten und Textilunternehmers Theodor Wagler (Thewa) fort. In dritter Generation hatte Günter Wagler, einer der letzten Posamentierer-Meister in Deutschland, bis zur Rente den Berliner Betrieb geleitet und 2007 an Gesellschafter in Forst übergeben. Die Webstühle und Maschinen des jahrhundertealten Handwerks wurden teilweise übernommen.

Lochkarten geben Muster vor

Und so stehen in Forst unter anderem ein hölzerner Handwebstuhl, Häkelgalon-Maschinen und zwei Jacquard-Webstühle. Letztere wurden bereits Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt. "Sie weben Bortenmuster langsamer und viel strukturierter als moderne Maschinen", erklärt Lipsdorf. Durch eine Lochkarte werden die Fäden hochgezogen. Mehr als 150 alte Lochkarten und somit Original-Muster wurden ebenfalls von Thewa übernommen.

Mit ihrer traditionellen Handwerkstechnik punktet die Forster Manufaktur bei Kunden wie Ausstattern, Polsterern oder Denkmalpflegern: Ein Großauftrag über rund 250 Meter verzierter Borten und 40 Meter Raffhaltern kam von der Hofburg im österreichischen Innsbruck. Die Textilien sollten originalgetreu nachgefertigt werden. "Das geht nur in Handarbeit am Webstuhl, und so einer steht nur noch bei uns in Forst", so Lipsdorf. Pro Meter müsse etwa eine Arbeitsstunde gerechnet werden. Aufgrund der guten Auftragslage plant der Geschäftsführer, einen Webstuhl dieser Art nachbauen zu lassen. Jens Lipsdorf hält seit Juli 2008 die Fäden der Manufaktur in der Hand und beschäftigt drei Angestellte. "Das Geschäft mit Posamenten schwankt generell sehr", erklärt er. Umso wichtiger sei es, Kontinuität zu erreichen. Noch im vergangenen Jahr sah die Situation schlecht aus: Im Mai brachen die Umsätze ein. Aufgrund der Wirtschaftskrise mussten wichtige Zulieferer Insolvenz anmelden. "Wir hatten zwar Aufträge vorliegen, konnten aber nicht produzieren", sagt Lipsdorf, der aus Cottbus stammt. Die Lieferzeiten erhöhten sich, Kunden sprangen ab.

Ende des Jahres erholte sich die Lage wieder. Die Babelsberger Filmstudios in Potsdam haben kürzlich mehrere hundert Meter Fransen für die laufende Shakespeare-Verfilmung "Anonymous" von Starregisseur Roland Emmerich geordert. Seit Kurzem ist in Zusammenarbeit mit einer Cottbuser Goldschmiede eine Schmuck-Kollektion auf dem Markt gebracht worden.

Nur noch wenige Betriebe

In Deutschland gibt es nur noch wenige Manufakturen, die Posamenten herstellen, unter anderem in Frankfurt/Main und München. "Wir vermuten, dass es acht bis maximal zehn sind", sagt ein Sprecher des Industrieverbands Veredlung-Garne-Gewebe-Technische Textilien. Die Statistik des Verbands erfasse lediglich Posamentenfabriken mit mehr als 50 Mitarbeitern. Davon gibt es bundesweit drei. Laut Verband bedroht die Betriebe vor allem die Konkurrenz aus Fernost. Das bestätigt Jens Lipsdorf. Dafür habe aber die Wirtschaftskrise etwas Gutes gebracht: "Immer häufiger bestellen Privatleute aus aller Welt Spezialanfertigungen", sagt er. Sogar Japaner seien schon nach Forst gekommen, um sich von der Qualität zu überzeugen. In unsicheren Zeiten würden Kunden eben ihr Geld in Nischenprodukte investieren, die ihren Wert behalten.

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