zur Navigation springen
Brandenburg

24. September 2017 | 14:14 Uhr

Fischen gegen die Sucht

vom

svz.de von
erstellt am 16.Nov.2011 | 11:57 Uhr

Eisiger Wind weht über den Gülper See, kleine Wellen schlagen gegen die rostigen Motorboote und lassen sie schaukeln. Ungemütlich und kalt ist es an Bord. "Das ist kein Spaßausflug", sagt Psychotherapeut Bertram Klitscher. Er und seine Kollegin Doreen Kaluza sind mit ihrer Therapiegruppe für Alkoholkranke der Tagesklinik Premnitz an den See im Havelland gekommen und fahren mit ihnen hinaus zum Fischen. Die Aktion ist Teil des Therapieprogramms.

Die Regie bei dem Ausflug führt Fischer Wolfgang Schröder. Er übt diesen Beruf in der vierten Generation aus und ist einer von den drei letzten Fischern auf dem Gülper See. Seit zwei Jahren fährt er regelmäßig mit den Gruppen aus der Klinik hi naus. Wenn er und sein Mitarbeiter das große Zugnetz auslegen, müssen alle mit anfassen. "Für manche Patienten ist es das erste Mal seit Langem, dass sie sich körperlich anstrengen", sagt Kaluza. Sie stammt selbst aus Strodehne am Rande des Gülper Sees und hat die ganze Aktion vor zwei Jahren ins Rollen gebracht. Anstrengend ist die Arbeit tatsächlich, und Fischer Schröder kennt kein Pardon.

Mit dunkelgrünen Wathosen ausgestattet müssen die sechs Männer aus der Therapiegruppe durch das eisige Wasser stapfen und das lange Netz in Position bringen. Manchen läuft der Schweiß die Schläfen hinunter, einer gibt auf und trottet langsam hinterher. Die anderen halten durch, manche mehr und manche weniger motiviert. Einige jammern: zu kalt, zu nass, zu anstrengend. Bei so einem Ausflug könne man wertvolle Beobachtungen machen, erzählt Klitscher. Außerhalb der Klinik verteilten sich die Rollen oft ganz neu. Eher ruhige Typen blühten beim Fischen regelrecht auf und würden vom Ehrgeiz gepackt. "Andere, die sonst eine große Klappe haben, werden auf einmal ganz ruhig", sagt er.

Zwölf Wochen dauert eine Therapie in der Tagesklinik, sagt Klitscher. Vor allem auf dem Land bevorzugten viele Alkoholkranke diese ambulante Form der Therapie, statt sich stationär behandeln zu lassen. Manche müssten schließlich die Tiere auf dem Hof versorgen, sagt der Therapeut. Andere wollten hingegen vermeiden, für eine Behandlung möglicherweise in eine weit entfernte Stadt reisen zu müssen. Die Erfolgsquote sei aber ähnlich hoch wie bei einer stationären Behandlung, betont Klitscher. "Nicht so dolle", ruft Schröder nun den Männern zu. Er hat Angst, dass ihm die Fische beim Einholen des Netzes abhandenkommen. "Schöner ist es natürlich, wenn man viel fängt", sagt Kaluza. Aber auch der Frust eines schlechten Fangs könne weiterbringen.

Frust über einen schlechten Fang bleibt den Männern heute erspart: Fischer Schröder hat den richtigen Riecher und lässt sie das Netz in einer Bucht am anderen Ende des Sees noch einmal auslegen. Als die Beute sich im Netz windet, geht ein Raunen durch die Gruppe - das Frieren und Schwitzen hat sich gelohnt. Gut zwei Zentner Brassen und Hechte landen auf dem Boot.

Erschöpft sitzen sie nach dem dreistündigen Ausflug in den Booten, die sie zurück zu Schröders Fischerhof bringen. Bei den nächsten Sitzungen soll das gemeinsam Erlebte ausgewertet werden, sagt Klitscher. Nicht nur für die Gruppendynamik seien solche Ausflüge gut, meist verbessere sich dadurch auch das Klima zwischen Patienten und Therapeuten. "Schließlich sitzen wir im wahrsten Sinne des Wortes alle in einem Boot".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen