Handarbeit aus Rathenow : Fielmann-Gestell oder Lupenbrille

Kontrolle der Brillenqualität  vor dem Versand in der Rathenower Optik GmbH
Kontrolle der Brillenqualität vor dem Versand in der Rathenower Optik GmbH

Wer in Deutschland eine Brille trägt, hat möglicherweise Handarbeit aus Rathenow auf der Nase

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23. März 2016, 05:00 Uhr

1200 Pakete mit 25 000 Fassungen und etwa 14 500 fertigen Brillen– so viel werde jeden Tag aus der Rathenower Optik GmbH quer durch Deutschland verschickt, gibt Michael Ferley, einer der Geschäftsführer an. Die Firma ist eine Tochter von Fielmann (Hamburg). Die Gestelle und Gläser, die in den rund 700 Filialen bundesweit verkauft werden, kommen aus Westbrandenburg. Dort hat der Konzern Produktion, Verwaltung und Logistik konzentriert.

Aber nicht nur der Branchenprimus sitzt in der Stadt im Havelland - 25 mittelständische Firmen mit jeweils zwischen zehn und 80 Angestellten beschäftigen sich ebenfalls mit dem richtigen Durchblick. Denn das Geschäft mit der Brille hat Tradition in Westbrandenburg.

Die optische Industrie verschaffte Rathenow im 19. Jahrhundert Aufschwung. Ein Sohn der Stadt, Johann Heinrich August Duncker (1767-1843), konstruierte eine Vielschleifmaschine. Damit konnten gleichmäßig geschliffene Gläser für Mikroskope, Lupen und Brillen hergestellt werden. Ende des 19. Jahrhunderts gab es bereits 163 optische Betriebe in Rathenow.

Nach der Wende brachen allerdings schwierige Zeiten an. Brillen aus den volkseigenen Rathenower Optischen Werken mit fast 4500 Beschäftigten waren quasi über Nacht nicht mehr gefragt. „Wie nun weiter, fragten sich viele“, erzählt Bürgermeister Ronald Seeger (CDU).

Als Großer der Branche kehrte Fielmann zurück: Es war ein ganz kleiner Start mit 15 Mitarbeitern in einer Schleiferei Anfang er 1990er-Jahre. 1995 gab es schon 60 Beschäftigte, 2015 rund 1025. „Bislang wurden 70 Millionen Euro investiert“, sagt Geschäftsführer Ferley. So entstand in einem Gewerbegebiet das 20 000 Quadratmeter große Firmengebäude.

Heute werden dort täglich etwa 19 000 Gläser gefertigt, 81 Prozent aus Kunststoff, der Rest aus Mineralglas. An den Arbeitsplätzen montieren Mitarbeiter Einzelteile, setzen Gläser ein, ziehen winzige Schrauben fest und prüfen Scharniere. Nach der Qualitätskontrolle werden die Aufträge an die Filialen ausgeliefert.

Deutschland hat eine große Augenoptikerdichte gemessen an der Bevölkerung, wie aus Zahlen des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen hervorgeht. Auf ein Geschäft kommen jedenfalls 6786 Menschen. Zum Vergleich: In der Schweiz (7490) und in Österreich (7212) kommen mehr Menschen auf einen Laden. Die Konkurrenz der rund 12 000 Optiker sind also die Kollegen um die Ecke. „Online-Optiker sind weiterhin keine echte Bedrohung für uns“, sagt der Sprecher des Zentralverbands.

Auch ein Sprecher des Industrieverbands für optische, medizinische und mechatronische Technologien Spectaris bestätigt das. Der Markt sei in den vergangenen Jahren real nur langsam gewachsen, Umsatzzuwächse gebe es vor allem bei Preis und Qualität, weniger bei Stückzahlen. Nur 3,7 Prozent des Branchenumsatzes werden online erledigt.

Eine Herausforderung für die Branche ist der Fachkräftemangel. Der Beruf des Augenoptikers gilt als sogenannter Engpass-Beruf, gibt der Optikerverband an. Auch Geschäftsführer Ferley beobachtet einen Fachkräftemangel. „Wir müssen aber wettbewerbsfähig bleiben.“

Die kleine Firma Obrira von André Schwolow in Rathenow wiederum setzt auf die Nische. „Wir haben uns auf Lupenbrillen spezialisiert“, sagt der 44-Jährige. Diese Spezialanfertigungen für dreifache Vergrößerungen nutzen hauptsächlich Ärzte bei Operationen oder Untersuchungen. Aber auch Mechaniker und Hobbybastler, die Buddelschiffe bauen, setzen sie auf. In Vitrinen sind historische Fotoapparate und Ferngläser ausgestellt.

Die Firma hat Vater Günter aufgebaut, er verlor mit der Wende seinen Arbeitsplatz. „Niemand braucht den 45. Brillenhersteller. Wir mussten eine Nische finden“, erinnert sich der 67-Jährige. „Vor asiatischer Konkurrenz habe ich keine Angst“, sagt Sohn André dann auch selbstbewusst. Seine Brillen seien individuell für den Träger und die spezielle Anwendung gearbeitet. Massenproduktion aus Fernost? Lohne sich nicht, sagt er.

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