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Brandenburg

18. Dezember 2017 | 14:04 Uhr

Der Biber : Faszination und Plage

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Antje Reetz hat vom Gewässer- und Deichverband Oderbruch einen klaren Auftrag. Der kann sich auch mit dem Naturschutz beißen.

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Antje Reetz macht sich keine Illusionen. „Den Biber werden wir nicht mehr los, selbst wenn wir ihn ganzjährig bejagen dürften“, sagt die 33-Jährige, die sich seit Jahren mit dem umtriebigen Wasserbaumeister beschäftigt. Zunächst eher theoretisch während ihrer Diplomarbeit an der Eberswalder Hochschule für Nachhaltige Entwicklung (HNE), seit acht Jahren ganz praktisch als Bibermanagerin beim Gewässer- und Deichverband Oderbruch (GEDO) in Seelow (Märkisch-Oderland).

Dass sich der Verband für den Umgang mit dem streng geschützten Nager eine eigene Personalstelle leistet, hat seinen Grund: Deutschlands größter eingedeichter Flusspolder bietet schätzungsweise 1600 Tieren eine Heimat; mehr als ein Drittel der Brandenburger Biber leben laut Reetz im Oderbruch. Die Diplomingenieurin für Landschaftsnutzung und Naturschutz kennt jedes Revier, ist ständig auf Achse im 130 000 Hektar großen Verbandsgebiet, um von Bibern angerichtete Schäden zu beseitigen.

Sie sieht auf den ersten Blick, welcher Bau tatsächlich bewohnt ist, und entscheidet, inwieweit von Bibern geschaffene Dämme zurückgebaut, ihre Burgen abgetragen oder Metall-Schutzmatten eingebaut werden müssen. Außerdem bestimmt sie, wo der Verband besser selbst Wasser anstaut, bevor es der nachtaktive Biber tut. Dabei kartiert Reetz die Bauten der Tiere und hat daher einen ziemlich aktuellen Überblick über ihre Verbreitung.

Seit zwei Jahren gilt die Biberverordnung in Brandenburg, die den Umgang mit dem Gewässer-Bewohner regelt. Problemtiere, die wiederholt Deiche zerwühlen oder Straßen unterhöhlen, können demnach notfalls auch getötet werden – allerdings nur zwischen dem 1. September und dem 15. März. „Wir als GEDO hatten in der Saison 2016/2017 Jäger in 29 Fällen damit beauftragt. 22 Biber wurden tatsächlich nur geschossen“, sagt Verbandsgeschäftsführer Martin Porath.

Die Zahlen zeigen aus seiner Sicht die große Verunsicherung der Jäger. Denn die dürfen laut Verordnung nur erwachsene Tiere erlegen, die keine Jungen mehr versorgen. Das aber sei nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar, erklärt Biber-Expertin Reetz. „Eine Chance, die Tiere zu erwischen, haben Jäger nur in klaren Vollmondnächten. Die aber sind im Herbst und Winter naturgemäß rar.“ Fünf Nächte pro Monat seien das höchstens, erzählt der Jäger Frank Kütbach aus Lebus (Märkisch-Oderland). „Ohne Vollmond siehst du die Biber in den Gräben einfach nicht.“ Dabei lebten allein in seinem Reitweiner Jagdgebiet Hunderte. Und die seien ziemlich schlau. „Hast du einmal geschossen, zieht sich der Rest in Gräben zurück, wo wir nicht jagen dürfen. Das wissen die ganz genau.“ Der Verband darf die Waidmänner Reetz zufolge nur mit dem Abschuss außerhalb von Naturschutzgebieten beauftragen. Innerhalb der Gebiete müsse jeder Einzelfall erst durch die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises geprüft werden. „Und das kann sechs Wochen dauern.“ Immerhin 40 Prozent der GEDO-Flächen ständen unter Naturschutz, ergänzt Porath.

Eigentlich hätte die Brandenburger Biberverordnung nach seiner Kenntnis in diesem Sommer evaluiert werden sollen. „Das heißt, es sollte überprüft werden, wie sie nach ersten Erfahrungen besser an die Praxis angepasst werden kann – denn vieles sind bisher Auslegungsfragen.“ Zudem ziele die Verordnung auf eine Gefahrenabwehr. „Wir aber brauchen eine Biber-Bestandsregulierung. Alles andere löst die Probleme nicht“, betont der Verbandschef. „Die Evaluierung läuft bereits, das ist ein längerer Prozess“, sagt Ministeriumssprecher Hans-Joachim Wersin-Sielaff auf Anfrage. Die Wirksamkeit aller in der Verordnung festgelegten Maßnahmen würde derzeit überprüft.

Biber-Managerin Reetz ist derweil hin- und hergerissen zwischen der Faszination für die hochintelligenten Tiere und der Vernunft. „Man muss Biber kennen und ihr Verhalten erklären. Dann wächst der Sachverstand bei den Betroffenen und wir können ganz anders diskutieren.“ Mit ihrem ausgleichenden Wesen könne Reetz sachlich vermitteln und hitzige Diskussionen geschickt entschärfen, hält ihr Chef der 33-Jährigen zugute. Gleichzeitig macht Porath aber klar: Die Managerin habe die Aufgabe, vom Biber verursachte Kosten und Ärger zu reduzieren. „Wenn ihr das nicht gelingt, wir nicht mehr Eingriffsmöglichkeiten und Handlungsspielräume bekommen, dann müssen wir uns diese Stelle nicht mehr leisten.“

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