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25 Jahre Europa-Uni : Familie Viadrina ganz privat

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Europa-Uni wird 25 – Jan und Wioletta Musekamp lernten sich hier kennen und wurden Frankfurter

Vor 25 Jahren wurde die Frankfurter Europa-Universität gegründet, heute gibt es den Festakt zum Jubiläum. Das Ziel der Uni, zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit beizutragen, haben einige Studierende wörtlich genommen.

Von Boppard am Rhein bis an die Oder sind es rund 700 Kilometer, von Gizycko im Nordosten Polens fast genauso viele. Dass sich der Rheinländer Jan Musekamp und die aus Masuren stammende Wioletta Dimydowska Mitte der 1990er Jahre fast genau in der Mitte zwischen ihren Heimatorten begegneten, lag einzig an der Viadrina. Denn als sie geboren wurden – beide sind Jahrgang 1976 – lagen noch mehrere Grenzen und zwei politische Systeme zwischen ihnen.

Der Westdeutsche hatte sich für die Viadrina entschieden, weil er zuvor schon zum Schüleraustausch in Polen war und sich für Sprache und Geschichte des Nachbarlandes interessierte. Wioletta bekam den Tipp, sich an der neuen Uni an der Grenze Polens zu bewerben, von einem Lehrer. „Wir hatten damals nur Deutsch und Russisch als Fremdsprache in der Schule“ berichtet sie.

Von der besonderen Gemeinschaft und den Improvisationen in den Anfangsjahren der Viadrina schwärmen beide bis heute. „Damals pendelte noch nicht die Hälfte der Studierenden mit dem Regionalexpress nach Berlin, andererseits mussten wir an der Grenze unseren Ausweis zeigen, weil Polen noch nicht zur EU gehörte“, beschreibt Wioletta. Kennengelernt haben sie sich im Studentenparlament, wo er sich für die Grünen und sie sich für den deutsch-polnischen Verein „Spotkanie/Begegnung“ engagierte. Auf einer Party im Slubicer Wohnheim gab es jenen magischen Moment, in dem beide spürten, füreinander bestimmt zu sein.

Die deutsch-polnische Annäherung war nun auch zu einem privaten Thema geworden. Selbst Auslandssemester und -jobs, die sie getrennt in Tschechien beziehungsweise den USA verbrachten, änderten daran nichts. Als Ort ihrer Hochzeit wählten sie 2003 die evangelische Kirche von Gizycko. „Damit sie dabei sein konnte, musste sich Wiolettas Oma eine Ausnahmeerlaubnis vom katholischen Bischof besorgen“, berichtet Jan Musekamp.

Weil Frankfurt und Slubice für sie Orte sind, „in denen man beide Welten ideal mischen kann“, entschlossen sie sich nach dem Studium zu bleiben und nach einigen Jahren ein Haus zu bauen. Während er mit der Dissertation zur Metamorphose Stettins von einer deutschen zur polnischen Stadt für Furore sorgte (2008 mit dem Preis des polnischen Botschafters für die beste deutsche Dissertation über Polen geehrt), arbeitete sie im Kleist-Museum und für grenzüberschreitende Projekte.

Vor zehn Jahren kamen die Zwillinge Laura und Adrian zur Welt, fünf Jahre später Söhnchen Antoni. „Inzwischen bin ich in Frankfurt länger als anderswo zu Hause. Wir baden in der Oder, fahren mit Rädern zum Helenesee oder an polnische Seen. Und unsere Tochter hat einen Geigenlehrer aus Slubice, der aus der Ukraine stammt“, berichtet die dreifache Mutter. Seit einigen Jahren ist sie wieder an der Universität im „Zentrum für forschendes Lernen“ beschäftigt, wo Studenten lernen, als Tutoren zu arbeiten.

Natürlich erleben sie auch die Probleme Frankfurts als Stadt, in der viele Entwicklungsträume platzten. Aus diesem Grund fanden hier nur wenige der mehr als 10 000 Viadrina-Absolventen eine Perspektive.

Jan Musekamp, der mehrfach für die Grünen bei Kommunalwahlen antrat, engagiert sich seit Jahren auch im Personalrat der Viadrina. Er ist fast der letzte wissenschaftliche Mitarbeiter, der noch eine voll bezahlte Stelle besitzt, von der man eine Familie ernähren kann. „Irgendwann ist es in Deutschland zur Mode geworden, die Stellen zu halbieren oder zu dritteln“, berichtet er. Mit anderen erkämpfte er einen Vertrag mit Mindeststandards für Mitarbeiter der Viadrina, der bundesweit als fortschrittlich gilt.

Nach intensiven Forschungen, die er zum Teil als Stipendiat an amerikanischen Unis betrieb, hat Musekamp seine Habilitation eingereicht. Stolz zeigt er den fast 500 Seiten langen Wälzer. Es handelt sich um eine auf Englisch verfasste Kulturgeschichte der Mobilität im östlichen Europa mit dem viel versprechenden Titel „Von Paris nach St. Petersburg und von Kaunas nach New York“.

Sein Ex-Professor Karl Schlögel, dessen feuilletonistischer Stil Orientierung bot („in den USA werden wissenschaftliche Werke lesbarer geschrieben“), ist einer der drei Gutachter. Der Verteidigung der Arbeit sieht Musekamp mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Nach der Logik deutscher Wissenschaftlerkarrieren wäre es dann an der Zeit, sich nach einer Stelle an einer anderen Uni umzusehen.  

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erstellt am 21.Jul.2016 | 05:00 Uhr

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