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Brandenburg

18. Oktober 2017 | 20:43 Uhr

Alleen : Fahren unterm Blätterdach

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburg ist Alleen-Land. Doch viele der alten Baumreihen verschwinden nach und nach

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2015 | 11:51 Uhr

„Ich liebe die graden Alleen mit ihrer stolzen Flucht. Ich meine sie münden zu sehen in blauer Himmelsbucht“, schrieb der Dichter Christian Morgenstern (1871–1914). Auch ein Jahrhundert später geraten Baumfreunde ins Schwärmen. Brandenburg gilt mit gut 8000 Kilometern als alleenreichstes Land. Wer der Deutschen Alleenstraße folgt, deren Teilstück im Land sich von Rheinsberg über Linum bis nach Brandenburg an der Havel schlängelt, sieht noch die Vielfalt.

Da strecken sich Bäume dem Himmel entgegen, hoch und ebenmäßig wie mächtige Säulen. Dann wieder vereinen sich Äste zu einem Blätterdach, bilden grüne Tunnel. Zu sehen sind auch gefällte Stämme und Straßenabschnitte, die sich völlig baumleer durch monotone Ackerlandschaften winden.

Seit Jahren sinkt die Zahl der Alleebäume. Immer mehr werden wegen Überalterung, Krankheit oder der Verkehrssicherheit gefällt. „Es gibt zwei große Stressfaktoren für Alleebäume“, sagt Jürgen Peters, Professor im Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz an der Hochschule Eberswalde.

Lkw benötigen für ungehindertes Passieren ohne störendes Geäst ein Lichtraumprofil von 4,50 Meter. „Bäume erhalten ein asymmetrisches Profil. Große Äste werden entfernt, das bildet ein Einfallstor für Pilze und Parasiten“, erläutert Peters. Es könnten sich hohle Stammbereiche entwickeln, dann morsche Stellen, und nach und nach müssten deshalb Bäume gefällt werden.

Zudem sei der vermehrte Einsatz von Streusalz ein Problem. Der strenge Winter 2010/2011 habe die negativen Folgen gezeigt. Das mit Salz gesättigte Bodenwasser führte im darauf folgenden Jahr zum Absterben von Blättern, teilweise zu Wurzelschäden und schwächte die Bäume. Zwar beschloss das Land 2007 eine Alleenkonzeption, die jährlich an Bundes- und Landesstraßen eine Neupflanzung von 30 Kilometern vorsieht. Doch das Ziel wird seit Jahren nicht erfüllt. 2014 wurden 3041 Alleebäume gefällt bei nur 1870 Neupflanzungen.

Es fehlt Land. Aus Sicherheitsgründen dürfen neue Bäume erst in 4,50 Meter Abstand zur Fahrbahn gepflanzt werden. Grundstücke für größere zusammenhängende Streckenabschnitte müssen teuer von privaten Besitzern erworben werden. „In 50 Jahren wird es vermutlich an höherrangigen Straßen keine Alleen mehr geben“, meint Peters. Er erwartet Verlagerungen auf Ortsverbindungs- oder Feldwege.

Alleebäume filtern große Mengen Feinstaub und Schadstoffe aus der Luft. Vögel und Fledermäuse nutzen die Reihen als Orientierungshilfe auf den Zugrouten. Sie dienen Tieren als Korridor zwischen Ökosystemen, als Brut- und Nahrungshabitate. Wichtig ist Peters die kulturhistorische Bedeutung, dass Alleen die Landschaft und dort lebende Menschen prägen: „Sie bieten landschaftliche Identität.“

Weniger Alleen, was bei Naturschützern Sorgenfalten hervorruft, sehen andere positiv. Viele Unfälle in Alleen enden tödlich. Im Vorjahr starben durch Kollisionen mit Bäumen, die nicht nur auf Alleen erfolgten, 54 Menschen. Das hat primär mit der Fahrweise zu tun, zeigt die Unfallstatistik. Hauptursache sind überhöhte Geschwindigkeit und Alkoholgenuss, während Witterungsbedingungen eine untergeordnete Rolle spielen.

„Wenn man die Unfallschwerpunkte kennt, kann man dagegen vorgehen“, sagt Christoph Rullmann, Bundesgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Mit dem ADAC rief der SDW vor 23 Jahren die Deutsche Alleenstraße ins Leben, um auf Einzigartigkeit und Schutzbedürftigkeit hinzuweisen.

Als Weg, Unfallrisiken ohne Fällungen zu senken, sieht Rullmann Tempo 70, regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen und Leitplanken an schwierigen Stellen.

 

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