Das Oderbruch als Programm : Fachwerk und klappernde Dachziegel

Claudia Lise vom Museum Altranft befestigt Fotos an einem Aufsteller im Herrenhaus von Altranft.
Claudia Lise vom Museum Altranft befestigt Fotos an einem Aufsteller im Herrenhaus von Altranft.

Das Oderbruch ist im Museum Altranft inzwischen Programm. „OMA“ nennen es die Macher daher selbstbewusst

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23. April 2019, 05:00 Uhr

Altranft | Wer durch das Oderbruch fährt, dem fallen die Loose-Gehöfte auf: Einzelne Höfe, die wie Inseln aus den weiten Feldern ragen. Der Blick folgt den Feldwegen hin zur Einsamkeit zwischen den Orten. Und auf den zweiten Blick wird deutlich, dass nur wenige Gehöfte noch bewohnt sind. Viele stehen leer, sind bereits Ruinen oder nur noch anhand alter Baumgruppen erkennbar.

Volker Seelig dokumetiert diesen Verfall. Der ehrenamtliche Frankfurter Bodendenkmalpfleger ist den verlassenen Loose-Gehöften seit Jahren auf der Spur, fotografiert Überreste, vergleicht die Aufnahmen mit alten Flurkarten. „Einst gab es im Oderbruch rund 600 dieser Hofstellen, die Ende des 18. Jahrhunderts im trocken gelegten Oderbruch an Bauern verlost wurden“, erzählt Seelig. Viele verschwanden mit der Kollektivierung der Landwirtschaft in den 1960er Jahren, andere nach der Wende, fand er heraus.

Seine Recherchen hat Seelig dem Oderbruch-Museum Altranft (Märkisch-Oderland) zur Verfügung gestellt. „Wir widmen uns in diesem Jahr der Baukultur im Oderbruch. Da gehören die Loose-Gehöfte als Besonderheit unbedingt dazu“, sagt Kulturwissenschaftler Kenneth Anders. Gemeinsam mit Kollegen vom Büro für Landschaftskommunikation Schiffmühle ist er von der Kreisverwaltung Märkisch-Oderland beauftragt, bis 2020 ein neues Konzept für das frühere Freilichtmuseum Altranft zu entwickeln. Sie entschieden sich für ein Oderbruchmuseum, kurz OMA, das vor allem bei den Bewohnern der Region Identität stiften soll.

Das Konzept scheint aufzugehen, zählte das Museum im Umbruch doch 2018 etwa 12 000 Besucher.„Ich bin sehr angetan von der Entwicklung der Einrichtung. Die verschiedenen Ansätze zur Neuprofilierung von Museum und Ort halte ich für zeitgemäß und zukunftsorientiert“, lobt Brigitte Faber-Schmidt, Geschäftsführerin von Kulturland Brandenburg und Vorsitzende des Museumsfachbeirates Altranft.

Um sich Deutschlands größtem eingedeichten Flusspolder inhaltlich zu nähern, entschied sich die Programmleitung um Anders für die Festlegung von Jahresthemen. 2016 war es das Handwerk, ein Jahr später das Wasser, im 2018 die Landwirtschaft und aktuell ist es die Baukultur im Oderbruch. „Das Bauen war hier immer eine besondere Angelegenheit - die Hochwassergefahr, der schwankende Boden und die sich rasant verändernde Landschaft haben sich in den Siedlungsstrukturen und Bauweisen niedergeschlagen“, erläutert Anders.

Nicht umsonst gibt es im Oderbruch eine so hohe Fachwerkdichte. Durch die hölzerne Ständer-Bauweise konnten die Häuser steigende oder fallende Grundwasserspiegel elastisch ausgleichen. „Wer sich auf ein Haus einlässt, tut das unweigerlich auch mit der Landschaft. Deshalb sind Gebäude ein Schlüssel zum ganzen Raum“, ist Anders überzeugt.

Auch einzelne Hauselemente wie Dachziegel könnten davon Geschichten erzählen, glaubt Peter Herbert von der Hofgesellschaft Neulewin (Märkisch-Oderland). Drei Dutzend verschiedene regionaltypische Ziegel aus der Sammlung des Vereins hat er im Schloss Altranft ausgestellt. Sie enthalten teilweise Schmuckelemente wie eingeritzte Sonnen oder auch die Namen des Herstellers.

Der Altküstrinchener Betonstein etwa war laut Herbert 1928 der erste brauchbare Versuch, Ziegel aus Beton zu machen. Berüchtigt waren „Lausitzer Klappersteine“. „Die waren so dünn und hart gebrannt, dass es einen Heidenlärm gab, wenn der Wind durchpfiff“, so Herbert.

Mindestens 14 Ziegeleien muss es einst in Rathenow (Havelland) gegeben haben, belegen Funde der Sammlung. „Weil im Oderbruch während der Trockenlegung nicht genügend Ziegel produziert worden waren, verfügte der Alte Fritz Ersatzlieferanten.“ Der „Ranfter Doppelbiber“, der nur im Oderbruch hergestellt wurde, gibt auch Herbert noch Rätsel auf. „Wir wissen zwar, dass er eine regionale Besonderheit war, allerdings nicht, wo genau er gebrannt worden war“, erläutert der Regionalhistoriker.

So wie Herbert erhofft sich auch Seelig weitere Informationen von Besuchern. Wissen beide doch, dass die Oderbruch-Bewohner tatsächlich ins neue OMA kommen. „Ich möchte noch weitere Loose-Gehöfte finden, suche auch alte Fotos. Außerdem habe ich in Schuttresten Zeugnisse ehemaliger Zivilisation gefunden, die ich aber ohne Zeitzeugen nicht zuordnen kann“, erzählt er.

Auf die Erinnerung der Oderbrücher setzt auch die Programmleitung des Museums. „Wir haben ein Rechercheteam von fünf Leuten, das zu jedem Jahresthema Interviews führt“, sagte Anders. „Diesmal reicht das Spektrum vom ehemaligen Denkmalschützer über den Häuslebauer bis hin zu Zuzüglern, die mit viel Geld typische Mittelflur- oder Fachwerkhäuser restaurieren.“

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