Ein Fluss wird wieder zur Naturlandschaft : Erwachen in der Havelniederung

Seit drei Jahrzehnten entsteht an der Havel eine naturnahe Landschaft.
Seit drei Jahrzehnten entsteht an der Havel eine naturnahe Landschaft.

Fische, Vögel und Pflanzen fühlen sich wohl, die Natur ist intakt, das Wasser sauber / An der Havel soll es wieder werden wie früher

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30. Januar 2018, 05:00 Uhr

Die Zeit muss um mindestens 50 Jahre zurückgedreht werden: Europas einzigartiges Feuchtgebiet im Unteren Haveltal westlich von Berlin soll wieder wie einst entstehen. Statt den Fluss in einem Bett zu bändigen, wird der Havel auf ihren letzten 100 von insgesamt 345 Kilometern wieder Raum gegeben. Danach fließt sie in die Elbe.

Westlich von Berlin entsteht seit drei Jahrzehnten zwischen Pritzerbe, Premnitz und Rathenow in Brandenburg sowie Havelberg in Sachsen-Anhalt wieder eine naturnahe Landschaft. „Es ist das größte Renaturierungsprojekt an einem Fluss in Europa“, sagt Rocco Buchta, Projektleiter und Sprecher des Bundesfachausschusses Lebendige Flüsse des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu).

Bereits mit der Errichtung von Deichen an der Elbe ab dem 11. Jahrhundert wurde die Untere Havel vom Menschen indirekt beeinflusst. Reguliert wurde der Fluss erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, große Teile waren bis in die 1970er-Jahre noch nicht eingedeicht.

Mit der Meldung des Gebietes als „Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung“ 1978 hatte die DDR einen Beitrag zur sogenannten Ramsar-Konvention geleistet. 1971 wurde die nach einer iranischen Stadt bezeichnete internationale Vereinbarung verabschiedet, bislang haben 169 Staaten unterzeichnet. Dabei geht es um den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Feuchtgebieten, zu denen neben Flüssen, Seen und Auen auch Küsten und Moore zählen.

In den ersten zwei Jahrzehnten habe der Schutz der Lebensräume von Wat- und Wasservögeln im Vordergrund gestanden, sagt Bettina Hedden-Dunkhorst, Fachgebietsleiterin in der Arbeitsgruppe Internationaler Naturschutz beim Bundesamt für Naturschutz (BfN).

Heute wisse man, dass Feuchtgebiete zahlreiche weitere Ökosystemleistungen wie Hochwasser- und Klimaschutz erfüllen.

Deutschland ist nach Angaben des Bundesamtes mit 34 Ramsar-Gebieten in fast allen Bundesländern vertreten. Dazu gehören das Wattenmeer im Elbe-Weser-Dreieck (Niedersachsen), der Untere Niederrhein (Nordrhein-Westfalen), der Starnberger und der Ammersee (Bayern) sowie die Aland-Elbe-Niederung und Elbaue Jerichow (Sachsen-Anhalt). Insgesamt stünden damit in Deutschland 868 226 Hektar Fläche unter besonderer internationaler Beobachtung, sagt Hedden-Dunkhorst.

Hintergrund der Konvention war der weltweite Verlust von Feuchtgebieten, etwa durch die Entwässerung von Mooren. Ein Großteil der deutschen Moore wurde für Flächen für die Land- und Forstwirtschaft zerstört. Regelmäßig müssten die Mitgliedstaaten berichten, wie die Konvention umgesetzt werde, sagt Hedden-Dunkhorst.

Naturschützer Rocco Buchta ist am Fluss aufgewachsen: Als Jugendlicher erlebte er, wie dem Gewässer Landwirtschaft, Trockenlegung und die Befestigung der Ufer mit Steinen zu schaffen machten. „Die Wunden waren zuletzt nicht mehr übersehbar“, sagt der 53-Jährige.

Seit 2005 ist das Havel-Feuchtgebiet auch ein rund 20 000 Hektar umfassendes Naturschutz-Großprojekt. Das Zusammentreffen mehrerer großer Urstromtäler macht die Havelniederung zu einem besonderen Gebiet. 30 000 Hektar Auen- und Feuchtgebiet werden etwa sechs Monate im Jahr überflutet. Das Wasser fließe langsam und erwärme sich schneller – ein „1a“-Lebensraum für Plankton und Mikroorganismen, so Buchta.

Fischotter und Biber sind heimisch, auch Sumpfschildkröten, Kreuzottern und mehr als 40 Fischarten. Über 1100 vom Aussterben bedrohte oder stark gefährdete Tier- und Pflanzenarten sind bekannt. Zehntausende Entenvögel, Rallen, Kraniche, Regenpfeifer und Schnepfenvögel rasten zweimal im Jahr in der Region.

Was ist in den vergangenen Jahrzehnten passiert? 90 Prozent des Areals werden derzeit landwirtschaftlich genutzt, jedoch darf Grün- nicht mehr in Ackerland umgewandelt werden. „Wir müssen nach und nach angerichtete Umweltsünden wieder beseitigen“, so Buchta. Von 2005 bis 2020 stehen rund 25 Millionen Euro für die Renaturierung der Havel bereit. 75 Prozent kommen vom Bund, elf Prozent von Brandenburg, sieben Prozent von Sachsen-Anhalt, der Rest stammt vom Nabu.

Mit dem Förderprojekt sollen etwa 30 Kilometer Uferbefestigungen und zwei Deiche entfernt, 15 Altarme und 66 Flutrinnen wieder angeschlossen werden. Zwölf Kilometer sind bereits renaturiert, vier Altarme und 20 Flutrinnen angeschlossen. Zehn Hektar Auenwald wurden gepflanzt. Das langfristige Ziel lautet: 250 Hektar neuer Auenwald.

Kann Buchta schon wieder wie in seiner Jugend von einem Sandstrand aus Eisvogel, Biber oder Fischotter beobachten? „Es ist heute wieder ein unbeschreiblicher Genuss", sagt er.

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