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Brandenburg-Görden : Erinnerung an Zuchthaus

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ehemaliges Gefängnis in Brandenburg-Görden wird neue Gedenkstätte. Im Juli beginnen die Arbeiten.

svz.de von
erstellt am 24.Mai.2016 | 10:23 Uhr

Die Nazis ermordeten dort Tausende und nach Ende des Zweiten Weltkriegs litten hinter den Mauern DDR-Oppositionelle: Seit Jahren ist um eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Geschichte des Zuchthauses Brandenburg-Görden gerungen worden – nun beginnen im Juli die Arbeiten. Die Erinnerungsstätte wurde seit Langem von Opferverbänden gefordert. Das Problem bislang: Bis heute ist auf dem Areal die Justizvollzugsanstalt in Betrieb. Aus Sicherheitsgründen ist damit für die Allgemeinheit ein Zugang unmöglich.

Nun gibt es geeignete Räumlichkeiten im ehemaligen Direktorenhaus – direkt an einer öffentlichen Straße. „Wir freuen uns außerordentlich, dass nach langjährigen Bemühungen endlich am historischen Ort eine frei zugängliche Gedenkstätte entsteht“, sagt der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. Als Stätte des nationalsozialistischen Strafvollzugs sei das Zuchthaus von überregionaler Bedeutung. Hier starben 2000 NS-Gegner aus ganz Europa unter dem Fallbeil.

In mehreren Räumen soll künftig an die unterschiedlichen Aspekte der Vergangenheit des 1928 entstandenen Zuchthauses erinnert werden. Ein angeschlossener Neubau soll auch Platz für Seminare bieten. Die Eröffnung ist im kommenden Jahr geplant. Insgesamt stehen nach Angaben der Stiftung knapp 760 000 Euro für das Projekt bereit: 420 000 Euro steuert das Land bei, 340 000 stammen vom Bund.

Brandenburg-Görden wurde zunächst als moderner Strafvollzug konzipiert; ab 1933 war die Anstalt dann berüchtigt für von den Nazis verübte Verbrechen. Zwischen 1940 und 1945 seien 2000 Menschen hingerichtet worden, schrieb die Leiterin der Gedenkstätte, Sylvia de Pasquale, in ihrem Buch „Zwischen Resozialisierung und ,Ausmerze’: Strafvollzug in Brandenburg an der Havel (1920-1945)“. Auch DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker war hier inhaftiert.

Im Zusammenhang mit der neuen Gedenkstätte werden auch die Erinnerungsräume am historischen Ort mitten in der JVA neu gestaltet. Wegen der Sicherheitsvorkehrungen ist sie nicht öffentlich. Sie besteht bereits seit 1975 und zeigt den authentischen Hinrichtungsraum mit einem historischem Fallbeil.

Seit 2012 gibt es in der Stadt auch eine Euthanasie-Gedenkstätte. Sie widmet sich rund 9000 jüdischen Kranken, die hier ab 1940 ermordet wurden. In Brandenburg/Havel hatten die Nazis im Januar 1940 erstmals Anstaltspatienten mit Kohlenmonoxid vergiftet. Insgesamt wurden später an sechs Stätten mehr als 70 000 psychisch Kranke und Behinderte von den Nazis umgebracht.

Die Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge 1945-1989 plant am letzten Maiwochenende ein Treffen von früheren Inhaftierten der Einrichtung Brandenburg-Görden. Bislang liegen mehr als 50 Zusagen vor. „Wir brauchen unbedingt ein Forschungsprojekt, um die genaue Zahl der Häftlinge zu DDR-Zeiten zu ermitteln“, sagt Michael Schulz von der Interessengemeinschaft. Das sei bislang unbekannt. Wichtiges Anliegen sei auch, ein Totenbuch zu erarbeiten. Darin sollen die Namen der Opfer festgehalten werden, die zu DDR-Zeiten ihr Leben verloren – durch Entbehrungen in der Haft oder Selbstmord.

Die JVA ist heute Brandenburgs größte Haftanstalt mit 300 Plätzen. Nach Angaben des Justizministeriums in Potsdam wird sie derzeit modernisiert. Neben Untersuchungshäftlingen sitzen dort Straftäter mit langen Freiheitsstrafen ein.

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