Neuer Gigant in Niederfinow : Endspurt für neues Schiffshebewerk

Die Baustelle des Schiffshebewerkes (vorn) und des alten Hebewerks.
Die Baustelle des Schiffshebewerkes (vorn) und des alten Hebewerks.

Wie in einer Badewanne schwebt ein Containerschiff in die Höhe und später wieder hinab. Bald gibt es dieses Schauspiel doppelt

svz.de von
07. Juli 2018, 05:00 Uhr

Nur einen Steinwurf entfernt ist die Zukunft zu sehen: Das neue Schiffshebewerk in Niederfinow (Barnim), ein Bauwerk mit riesigen Ausmaßen, nimmt neben der Altanlage Gestalt an „300 Millionen Euro investiert der Bund in das Projekt“, sagt Klaus Winter, Bauleiter Neues Schiffshebewerk bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.

65 000 Kubikmeter Beton und 8900 Tonnen Bewehrungsstahl werden verbaut. 400 000 Kubikmeter Erde müssen bewegt werden. Im Sommer 2019 soll die Anlage - 55 Meter hoch, 46 Meter breit und 135 Meter lang starten.

Fünf Jahre werden das alte und das neue Bauwerk parallel arbeiten. „Die einzigartige neue Maschine wird sich dann einspielen“, sagt Winter. Als technisches Denkmal bleibt das alte Werk erhalten. Bereits jetzt steigen 250 000 Besucher im Jahr die Treppen hoch bis zum Aussichtspunkt. Dort kann die Fahrstuhlfahrt der Schiffe erlebt werden.

Der 134 Kilometer lange Havel-Oder-Kanal verbindet mit dem Schiffshebewerk beide Flüsse. 36 Meter macht der Höhenunterschied samt Gefälle bei Niederfinow aus. „Die Havel liegt oben, die Oder unten. Das Schiff muss von unten nach oben kommen oder umgekehrt“, so Winter. Einst wurde eine Schleuse an der Stelle dafür genutzt, 1934 kam dann das Schiffshebewerk.

Ein weiteres verbindet seit 1974 in Scharnebeck bei Lüneburg Elbe und Mittellandkanal. Das Schiffshebewerk Henrichenburg vom Ende des 19. Jahrhunderts am Dortmund-Ems-Kanal steht seit 40 Jahren still und ist Museum. An der Elbe bei Magdeburg arbeitet eines in Rothensee.

Schiffshebewerke funktionieren nach zwei Prinzipien. Das Schiff schwimmt in den Trog und verdrängt durch sein Gewicht Wasser. Dann geht alles schwimmend nach oben, gezogen von 1000 Tonnen schweren Gegengewichten. Sie werden von armdicken Seilen bewegt. „Das Ganze läuft wie eine normale Seilwinde“, sagt Winter. Laufe der Trog zu voll oder verliere Wasser, greife ein Sicherungssystem. Eine Fahrt dauert 20 Minuten.

In der Schleuse fährt das Boot in die Kammer. Dann wird geflutet oder Wasser herausgelassen - je nachdem ob es hoch oder runter gehen soll.

Nach Angaben des Chefs des Wasserstraßen-Neubauamtes Berlin, Rolf Dietrich, passieren die alte Anlage jährlich 14 000 Wasserfahrzeuge, je ein Drittel Güter-, Fahrgast- und Kabinenschiffe sowie Sportschiffe. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter Berlin, Brandenburg/Havel und Eberswalde betreiben für den Bund in Berlin und Brandenburg fast 1500 Kilometer Wasserstraßen. Dazu zählen das Schiffshebewerk Niederfinow, 71 Schleusen, 77 Wehre und rund 300 Brücken. Pro Jahr werden 50 Millionen Euro investiert.

Nach über 80 Jahren Nutzungsdauer musste die Ersatzinvestition für das alte Hebewerk erfolgen. Neben der Materialalterung entsprecht die Antriebs- und Steuerungstechnik von 1934 nicht mehr heutigen Anforderungen.

Beim Neubau werden die Abmessungen dem EU-Standard der Wasserstraßenklasse Va angepasst. Bisher ist die Passage von Schiffen bis zu einer Länge von 84 Meter und einer Durchfahrtshöhe von vier Metern möglich. Mit der neuen 115 Meter langen „Wanne“ können Fahrzeuge mit bis zu 110 Meter Länge und größere Flusskreuzfahrschiffe auf der wichtigen Wasserverbindung von Berlin nach Szczecin über die Havel zur Oder fahren.

Die Durchfahrtshöhe von 5,25 Meter gestattet es, dass Containerschiffe bis zu 104 Container in zwei Lagen übereinander transportieren. Während das Ladungsaufkommen im Güterverkehr bei 1,3 Millionen Gütertonnen im Jahr liegt, ist das neue auf ein Transportvolumen von bis zu vier Millionen Gütertonnen ausgelegt.

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