Historische Ensembles ziehen Filmer an : Eisenhüttenstadt wird zur Kulisse

Schauspieler und Komparsen stehen bei Probenim Rathaus.
Schauspieler und Komparsen stehen bei Probenim Rathaus.

Deutsche Filmemacher nutzen Deutschlands größtes Flächendenkmal für Produktionen, die in den 1950er Jahren spielen

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17. Februar 2018, 05:00 Uhr

Drei riesige Scheinwerfer stehen vor den Eingangstüren zum Rathaus Eisenhüttenstadt. Diese eher ungewöhnlichen Accessoires im Straßenbild bringen die Einwohner nicht mehr aus der Ruhe. „Dreharbeiten“, meint eine Passantin fast schon entschuldigend, während sie geduldig darauf wartet, dass ein den Weg versperrender Produktionsassistent sie weiter gehen lässt.

Kurz darauf tritt Schauspieler Robert Stadlober - verfolgt von Kameras - aus einer der Rathaustüren. Dann ist die Szene im Kasten. Stadlober trägt einen altmodisch wirkenden braunen Blouson und weite Bundfaltenhosen. „50er Jahre“, erklärt er freundlich lächelnd. Kurz vor Weihnachten habe er das Drehbuch zum geplanten Kinofilm „Warum“ gelesen. „Bereits nach fünf Seiten habe ich gewusst, dass ich da mitmachen will, weil ich das sehr subtil erzählte Thema so wichtig finde und Regisseur Bernd Böhlich sehr schätze“, sagt der Berliner.

Im Film geht es um eine junge Kommunistin, gespielt von Alexandra Maria Lara, die in den 1930er Jahren wie viele andere vor den Nazis in die Sowjetunion floh, dort wegen angeblicher Spionage verhaftet und in ein Arbeitslager gesteckt wurde. Anfang der 1950er Jahre kehrt sie zurück, um in der DDR ein neues Leben zu beginnen. Das darf sie auf Geheiß der SED in Stalinstadt, wie Eisenhüttenstadt damals hieß.

Es war die erste, am Reißbrett geplante sozialistischen Stadt auf deutschem Boden. Die junge Frau bekommt die großzügige Wohnung und gut bezahlte Arbeit nur, wenn sie ihre Vergangenheit nicht preis gibt und dafür gegebenenfalls lügt. Mit diesem Verschweigen der Wahrheit habe das Scheitern der DDR schon damals begonnen, ist Regisseur Böhlich überzeugt.

„Eisenhüttenstadt hat mit seinen restaurierten Gebäuden wie dem Friedrich-Wolf-Theater, dem Krankenhaus und ganzen Straßenzügen aus jener Zeit noch heute den historischen Charme von damals. Das zu sehen, war für mich sehr inspirierend“, schwärmt Böhlich. Die Wohnkomplexe I bis III entstanden Anfang der 1950er Jahre nach dem Entwurf des Architekten Kurt W. Leuchte in einem Mix aus sowjetischem Vorbild und Bauhaustradition.

Kurz vor der Wende hatte Böhlich erstmals vom Schicksal dieser deutschen Exilkommunisten erfahren und später jahrelang am Drehbuch für „Warum“ gearbeitet. Der Streifen habe für ihn viele Bezüge in die Gegenwart. „Die aktuelle Krise der SPD hat auch viel damit zu tun, dass die Partei ihren Wählern die Wahrheit nicht sagt“, glaubt Böhlich.

Eisenhüttenstadt scheint „der perfekte Drehort“ für die Geschichte zu sein. Im Rathaus gibt es ein riesiges Wandmosaik mit Friedenstaube und winkenden Arbeitern. Jetzt fühlt man sich etwa 65 Jahre zurückversetzt. Mitarbeiter der „SED-Kreisleitung“ eilen in Anzügen oder Rock und Bluse geschäftig die Treppen auf und ab oder warten, Aktentaschen in der Hand, vor dem großen Sitzungssaal. Zu ihnen gehört Diana Conrad, im wahren Leben Bauingenieurin und jetzt eine von rund 90 Komparsen. „Die Dreharbeiten sind total spannend. Da selbst mal dabei zu sein, macht Riesen-Spaß“, sagt die 54-jährige Eisenhüttenstädterin. Sie ist stolz, dass ihre Heimatstadt erneut in den Film-Fokus rückt.

Denn bereits im Vorjahr gab es in Deutschlands größtem Flächendenkmal Dreharbeiten für einen Kinofilm. „Das schweigende Klassenzimmer“, ebenfalls in den frühen Jahren der DDR spielend, hat am 20. Februar auf der Berlinale Premiere. „In Brandenburg sind wir schon ein kleines Hollywood“, sagt Komparsin Conrad lächelnd.

Das sieht auch Bürgermeister Frank Balzer (SPD) so und verweist auf US-Schauspieler Tom Hanks, der Eisenhüttenstadt schon mehrfach besuchte und für „Iron Hut City“ in seiner Heimat Werbung macht.

Balzers Großeltern, so erzählt das Stadtoberhaupt der Filmcrew, hätten die Stadt und das Eisenhüttenkombinat damals mit aufgebaut. „Jetzt freue ich mich, dass die Stadt allmählich Bekanntheit über ihren Status als Industriestandort hinaus gewinnt“, sagt der Bürgermeister.

Weiß er doch, dass die Eisenhüttenstädter selbst ihren Anteil dran haben - ob nun die Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die schon mal die laut klackenden Absatz-Schuhe ausziehen, um die Dreharbeiten nicht zu stören, oder die Komparsen, zu denen auch viele Kinder gehören. „Wie diszipliniert und begeisterungsfähig die stundenlang waren - einfach toll“, lobt Profi-Darsteller Stadlober. Nach zehn Drehtagen sind die Aufnahmen für „Warum“ in Eisenhüttenstadt jetzt abgeschlossen.

Noch bis Ende Februar werde im Erzgebirge, in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) an weiteren Szenen für den Film gearbeitet. Er solle im nächsten Jahr seine Kinopremiere erleben, sagt Produzentin Eva-Marie Martens von der Berliner Mafilm GmbH.

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