Berlin : Einfach überleben

Anika Decker
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Anika Decker

Anika Decker, Drehbuchautorin von „Keinohrhasen“, hat ihren Roman veröffentlicht

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02. August 2019, 05:00 Uhr

Die Welt ist zweigeteilt: Auf der einen Seite leben die Gesunden und Sorglosen, auf der anderen die Kranken und Versehrten. Wie wenig beide Welten miteinander verbindet, merkt man meist erst, wenn man erzwungenermaßen die Seite wechseln muss. So ergeht es der jungen Drehbuchautorin Rahel Wald. Nach einer schweren Blutvergiftung wird sie brutal aus ihrem Alltag gerissen und findet sich unvermittelt auf der anderen Seite wieder, in der Welt der Krankenhäuser, Intensivstationen und Rehas.

Ähnliches hat es Anika Decker (43) selbst erlebt. Denn in ihrem Erstlingswerk „Wir von der anderen Seite“ verarbeitet die Drehbuchautorin und Regisseurin („Traumfrauen“, „High Society“) eigene Erfahrungen. Nachdem Decker mit ihrem Drehbuch zu dem Film „Keinohrhasen“ der ganz große Durchbruch gelang, erkrankte sie schwer. Ein Leben zwischen Beatmungsschläuchen und Betablockern – so authentisch kann darüber nur schreiben, wer all dies selbst durchlitten hat.

Zurückgeworfen auf die eigene Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit, steht plötzlich alles zur Disposition. Die Beziehung, das prekäre Leben als Drehbuchautorin.

Der zermürbende Klinikalltag zwischen Pinkelpannen und Panik-Alpträumen wird haarklein beschrieben, die Autorin erspart einem hier nichts. Das klingt zunächst einmal wenig erbaulich. Und doch wird das Ganze überraschend unterhaltsam durch ein Feuerwerk witziger, knochentrockener und selbstironischer Kommentare und Reflexionen, bei denen immer wieder Deckers komödiantisches Talent durchblitzt. Hier merkt man die geübte Drehbuchautorin, die um keine Pointe verlegen ist. So etwa als sie in einer Szene beschreibt, wie die langsam genesende Patientin, die sich in der Zwischenzeit einige Kilos angefuttert hat, erstmals wieder ihr altes, sexy Lieblingskleid aus schwarzer Seide überstreift – mit ernüchterndem Ergebnis: „Ich sehe aus wie ein sehr armseliger Bondageversuch auf einer Kleinstadtsexmesse. Fifty Shades of Speck.“

„Wir von der anderen Seite“ ist eine Mutmachergeschichte: Wir erleben nicht nur die langsame Wiederauferstehung der Protagonistin von den Toten, sondern auch ihre Emanzipation vom nichtswürdigen Partner und vom fiesen ausbeuterischen Filmboss. Eine Mischung, die gut ankommen dürfte. Zumal das Ganze auch noch einen kleinen Glamourfaktor hat. Auf einer Filmparty, die für die Protagonistin allerdings desaströs endet, erscheinen echte Promis wie Iris Berben und Helene Hegemann. Fiktion und Wirklichkeit vermischen sich hier.

Anika Decker:

Wir von der anderen

Seite, Ullstein

Verlag, Berlin,

384 Seiten,

20,00 Euro,

ISBN 978-3-550-20037-3

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