Eine wendische Kirche mit Davidstern

 <strong>Evangelische Fachwerkkirche  </strong>mit ihrem 51 Meter hohen Turm.
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Evangelische Fachwerkkirche mit ihrem 51 Meter hohen Turm.

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18. Dezember 2010, 01:57 Uhr

Dissen | Einige Kilometer nördlich von Cottbus am Rande des Spreewaldes hat in dem Ort Dissen der erste wendische Gottesdienst in der Niederlausitz nach dem Krieg stattgefunden. Das war im Jahr 1987. Heute zeugen in der evangelischen Fachwerkkirche wendischsprachige Bibelverse im Kircheninnern von der einstigen Bedeutung des Gotteshauses für die slawische Minderheit.

Der wendische Pfarrer Bogumil Swela prägte in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Gesicht der Dissener Kirche nachhaltig. Nach der Sperrung des baufälligen Gemäuers im Jahr 1935 fanden während Swelas Amtszeit die Sanierungsarbeiten im hölzernen Innenraum des Sakralbaus statt. Die Deckenverzierung, die neben floralen Malereien auch das Brandenburger Wappen sowie den roten Stier als Wappentier der Niederlausitz zeigte, wurde erneuert, die wendischen Bibelsprüche an den Emporen wurden gegen den Widerstand einiger Gemeindemitglieder aufgefrischt. Heute sieht der Besucher an den Balkonen rings um den Gebetsraum neben deutschen und wendischen Bibelzitaten auch Malereien, die motivisch die Jesus-Geschichte darstellen.

Über dem Haupteingang der Kirche hatte Swela völlig unbemerkt von den nationalsozialistischen Machthabern jener Zeit ein Fenster mit einem Davidstern und zwei Kreuzen anbringen lassen. Angeblich hatte ein Freund Swelas nach seiner Ausreise in die USA auch in jüdischen Kreisen erfolgreich Spenden für die Sanierung der Kirche sammelt. Mit dem Davidstern hatte er möglicherweise dafür ein Dankeszeichen setzen wollen. In der Dissener Dorfchronik liest man, dass die Kirche gegen Ende des Krieges nur aus einem einzigen Grund nicht von sowjetischen Soldaten niedergebrannt wurde. Nachdem bereits viele Scheunen im Ort und die Dorfschule ausgebrannt waren, hätten die Sowjets in der Kirche die slawischen Buchstaben entdeckt - und von der Zerstörung abgesehen.

Knapp 180 Jahre früher blieb die Kirche nicht von den Flammen verschont. Doch der völligen Zerstörung bei einem Dorfbrand folgten der baldige Wiederaufbau nach den Vorschriften der friderizianischen Zeit mit rotem Klinker und die Weihung im Jahr 1772. Allein der 1725 neu erbaute Kirchturm hatte das Feuer überstanden, er erhielt aber im Zuge der Sanierung in der obersten Etage Fachwerkelemente. Für diesen massiven Bau war der sumpfige Spreewaldboden nicht geeignet, so dass nach auftretenden Schäden am Bauwerk 1869 der Turm komplett ohne Fachwerk erneuert wurde - und um ein ganzes Stück größer wurde. Seither überragt er mit 51 Metern die Umgebung. Der Turm sollte Ausdruck neuen Selbstbewusstseins der Dorfbewohner sein. Dissen galt während der Industrialisierung als eines der reichsten Dörfer der Region. Auch geistige Impulse gingen von dem kleinen Ort aus. Zu jener Zeit gab Dissens Pfarrer Kito Pank die erste wendische Zeitung heraus. Das ist lange her. Mitte der 1990er Jahre sprachen nur noch knapp 30 Prozent der Dorfbewohner wendisch, die Zahl nimmt trotz ambitionierter Sprachprojekte in den Kindergärten der Region weiter ab. Wendische Gottesdienste finden in der Kirche, die etwa 600 Gläubigen Platz bietet, nicht mehr statt. Nach zwölfjähriger Amtszeit des Pfarrers Dieter Schütt hatte im Jahr 2001 dessen Sohn Hans-Christoph das Amt in der Gemeinde Dissen übernommen. 25 Prozent seiner Stelle waren für die Seelsorge der Wenden vorgesehen. Nach dem Weggang des Pfarrers herrscht seit dem 1. September dieses Jahres eine Vakanz. "Die Stelle wird im neuen Jahr wieder besetzt, die seelsorgerische Ausrichtung zugunsten der Wenden wird wegfallen", so der 71-jährige Dieter Schütt. Wendische Gottesdienste finden nun nur noch in unregelmäßigen Abständen verteilt auf die Kirchen der Umgebung statt. Am ersten Weihnachtsfeiertag erwartet Pfarrer Schütt etwa 100 Besucher zu seinem wendischen Gottesdienst in Cottbus.

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