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Wenn die Wohnung zum Sammellager wird : Eine Struktur für das Leben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Viele Menschen haben mehr, als sie brauchen. Viel mehr. Wenn die Wohnung überquillt, hilt Aufräumcoach Rita Schilke.

Der Karton stand in der Küche neben dem Mülleimer. 300 Enten lagen darin kreuz und quer, halb begraben unter Staub und Spinnweben. „Ich habe Rita erzählt, wie wichtig mir die Sammlung ist“, erinnert sich Anne Spier und kichert. Das ist fünf Jahre her. Heute sind nur drei Enten aus Ton übrig. Sie stehen im Bücherregal und bilden mit anderen Einzelstücken jene reduzierte Deko, die einem Wohnmagazine empfehlen. Auch sonst ist die Dreizimmerwohnung der 70-Jährigen in Berlin geschmackvoll und praktisch eingerichtet. Wieso braucht sie einen Aufräum-Coach?

„Hier sah es ja nicht immer so aus“, erzählt Anne Spier. 20  Kisten Bücher, ungefähr 15 Tüten Kleidung und jede Menge Geschirr, Glas und Stifte hat ihre Aufräumhilfe aus der Tür getragen. „Und wir sind noch nicht fertig“, betont sie. Für heute hat sich die Ex- Sprachenlehrerin, die noch einige Schüler zu Hause unterrichtet, die Wörterbücher vorgenommen. Beide sind ein eingespieltes Termin: Anne Spier sitzt auf dem Bett, Coach Rita Schilke (53) holt jedes Buch aus dem Regal, pustet Staub ab und legt es der Kundin in den Schoß. In kurzer Zeit wachsen zwei Stapel – behalten und weg. Die Aufräum-Expertin wischt das Regal aus, staubt Behalten-Bücher ab, räumt sie ein. Wenn sie geht, nimmt sie den „Kann weg“-Stapel mit.

Könnte man zu Hause wieder angehen, schießt es einem durch den Kopf. Aufräumen ist nichts Besonderes oder Neues, fast jeder hat es schon gemacht. Dennoch liegt das Thema im Trend. Warum kommen wir scheinbar nicht mehr allein mit unserem Zeug zurecht? „Aufräumen ist für viele Menschen ein Problem, das hat nichts mit Bildung oder Einkommen zu tun“, sagt Rita Schilke. Ihre Kunden kämen aus allen Schichten, sogar zwei Milliardäre sind darunter. Aber sie hat auch einen jungen Hartz-IV-Empfänger betreut, dessen Großvater ihren Einsatz sponserte.

Die Gründe, warum Leute sie anfragten, seien verschieden. Nur die Basis ist universell. „Wir haben fast alle viel zu viele Dinge. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft.“

Da gibt es die Akademikerin mit anspruchsvollem Beruf, die ihr Alltag so erschöpft, dass ihr zuhause die Kraft zum Wegräumen fehlt. Und den verwöhnten jungen Mann, der Aufräumen nie gelernt hat. Oder den Durchschnitts-Verdränger, der sich viele Jahre nicht groß um seine Wohnung gekümmert hat.

Manchmal bekommt Rita Schilke ihre Kunden nicht zu Gesicht. „Da hinterlegt jemand einen Schlüssel und sagt: ‚Bringen Sie irgendwie Ordnung ins Chaos.‘“ Ein Sonderfall seien Messies. „Das klappt leider selten“, sagt sie, meist helfe nur eine Therapie.

Die lange Zusammenarbeit mit Anne Spier bleibt die Ausnahme, oft ist die Sache nach zwei oder drei Einsätzen vorbei. Die meisten kommen aus eigenem Antrieb; man kann Gutscheine kaufen, aber Gewohnheiten zu ändern klappt langfristig nur, wenn der Betreffende Leidensdruck habe.

Sachen von A nach B zu räumen, ist nicht alles. 80 Prozent der Arbeit sei psychologisch, erklärt Rita Schilke. „Es ist nie das Ding, um das es geht, sondern die Erinnerung. Beim Aufräumen erfahr’ ich alles. Da rollen Tränen.“ Aussortiertes wird möglichst nicht weggeworfen; bei Anne Spier holte ein Antiquariat viele Bücher ab. Kleidung bringt Rita Schilke ins Sozialkaufhaus, Wertvolles wird verkauft.

Besonders von Büchern konnte sich Anne Spier schwer trennen. Gerade dort ist der Forschritt besonders sichtbar: Früher habe man kaum ein Buch aus den Regalen ziehen können, erzählt die 70-Jährige, jetzt sind die Reihen locker bestückt, obwohl alle Regale abgesägt wurden. „Die Lücken sind ihr Werk“, lobt sie und zeigt auf Rita Schilke. Ihr sei aufgefallen: Die leerer werdende Wohnung schärft das Auge für das Verbleibende. „Ich hab endlich meinen wackligen Schreibtisch rausgeworfen und mir einen hochwertigen aus massivem Holz gekauft. Und ein neues Bett.“

Auch wenn Rita Schilke fest überzeugt ist, dass es sich luftig besser lebt – sie respektiert andere Meinungen. „Der Kunde entscheidet. Wenn jemand wirklich an Dingen hängt, soll er sie behalten. Oft dauert es einfach eine Weile, bis man merkt, dass man etwas doch abgeben kann.“ Eigentlich werde sie ja fürs „Piksen“, fürs ständige Nachhaken, bezahlt.

Anne Spier war nach dem Tod ihres Mannes durch einen Flyer im Supermarkt auf die Dienste der Aufräumhelferin gestoßen. Sie ist sich sicher: „Das Aufräumen hat mein Leben verändert!“ Lob hört Rita Schilke oft. Auf ihrer Homepage schreibt beispielsweise eine Tanzlehrerin über sie: „Sie hat eine so andere, radikale, und tatsächlich viel, viel leichtere Einstellung zur Ordnung und zum Aufheben, dass sie schon in den ersten drei Stunden wie ein reinigender Sturm durch meine Ablage und auch durch meine Einstellung gefegt ist.“

Aussortieren sei auch Gewohnheit, findet Anne Spier. Mit der Zeit werde es leichter. Rita Schilke brauche sie nur noch in großen Abständen. „Es ist immer leerer geworden um mich herum. Das halte ich jetzt aus.“ 

>> Hier geht es zur Webseite des Aufräum-Coachs
 

 

 

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erstellt am 18.Mai.2017 | 05:00 Uhr

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