Flüchtlinge : Eine Stadt aus Zelten

Afghanen und Pakistani in einem Zelt in der Flüchtlings-Untekunft in Eisenhüttenstadt.
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Afghanen und Pakistani in einem Zelt in der Flüchtlings-Untekunft in Eisenhüttenstadt.

550 Asylbewerber leben in der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt auf einem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz

svz.de von
10. September 2015, 15:34 Uhr

Rund 3200 Flüchtlinge waren gestern an allen Standorten der Zentralen Erstaufnahme Brandenburgs gemeldet. Etwa zwei Drittel davon leben in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree). 550 alleinreisende Männer sind dort in einer kleinen Zeltstadt untergebracht.

„Es ist schon verdammt kalt in der Nacht.“ Mustafa steht vor seinem Zelt, das er zusammen mit elf weiteren Männern aus Afghanistan und Pakistan bewohnt, und lüftet seinen Schlafsack. „Der ist von Mimo, meiner Ex-Freundin“, erzählt er. „Und der ist schön warm. Mir tun bloß meine Freunde hier leid“, sagt er mit Blick auf die dünneren Schlafsäcke, die sie vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) bekommen haben.

Während Mustafa den Tag in der Zeltstadt der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt eher ruhig angehen lässt, wird anderswo richtig gearbeitet. Hashem aus Syrien sitzt im Nähraum und bringt ein paar Jeans auf die richtige Länge – für sich selbst und für andere. Man hilft sich eben. Als der Fotoapparat gezückt wird, verschwinden seine Freunde aus dem Bild. Aus Angst. Angst vor dem syrischen Geheimdienst, wie andere erzählen. Der habe Fotos und würde nur auf Veröffentlichungen warten, um die Aufenthaltsorte der Flüchtlinge in Erfahrung zu bringen. Vor allem die, deren Familien noch im Kriegsgebiet leben, sind sehr zurückhaltend, wenn jemand nach ihrem Namen fragt und um ein Foto bittet. Hashem lässt sich nicht stören, näht einfach weiter.

Yousef und Mohamed verbringen ihre Zeit lieber in einer großen Halle, da haben sie sich eine Werkbank zusammengezimmert aus den Paletten, die auch als Boden in den Zelten dienen. Sie sägen, bohren, hämmern: Regale, Kästen für die Feuerlöscher, Dachvorstände, die vor Regen schützen – beispielsweise für den kleinen Postcontainer. „Das Material besorgen wir ihnen“, berichtet Christian Mann vom DRK, das die Zeltstadt, die Ende Juli auf einem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz der Bundespolizei aus dem Boden gestampft wurde, betreibt. Gleiches gilt auch für Pflanzen, Erde und Holz, die diejenigen benötigen, die in der „Area of Fun and Activity“ – also dem Bereich für Spaß und Aktivitäten – einen Garten angelegt haben. Selbst einen Mini-Teich gibt es dort schon.

Mittlerweile wohnen 550 Männer in der Zeltstadt – vorrangig aus Syrien. Drei, vier Teenager, die mit Verwandten oder Bekannten vor Bomben und Verfolgung geflüchtet sind, laufen ebenfalls auf dem Platz umher – vorbei an Wäscheständern, die vor vielen Zelten stehen und an den Containern, die Duschen und Toiletten beherbergen und in denen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Genau wie in einer Halle, in der die Mahlzeiten eingenommen werden.

Fadi, der sich in der Halle aufhält, in der gleich Kartoffelbrei mit Hackfleisch und ein Gemüsegericht verteilt werden, vertreibt sich die Zeit derweil mit einem Schachspiel. In der Zeltstadt lässt er die Figuren tanzen, in Syrien hat er selbst getanzt – professionell. Was die Berufe der Flüchtlinge angeht, da kann Christian Mann einiges erzählen: Neben Elektronikern, Schneidern und Maschinenbauingenieuren waren unter anderem schon zwei Fußballer der syrischen Nationalmannschaft in Eisenhüttenstadt, ein Turbinenbauingenieur und ein Friseur. „Der hat hier in der Zeltstadt allen für ein kleines Entgelt die Haare geschnitten“, sagt der DRK-Mitarbeiter. „Momentan ist die Stelle aber unbesetzt“, da der Mann mittlerweile woanders lebt.

Auch an diesem Tag verlassen 150 Flüchtlinge das Zeltlager. In Bussen werden sie nach Halbe, Lübben und anderswo gebracht. Unter ihnen ist Said. „Es ist sehr schade, dass er geht, denn er ist einer unserer besten Männer“, sagt Christian Mann und erzählt, wie der Syrer mit den guten Englischkenntnissen als Übersetzer geholfen und auch ansonsten immer angepackt hat. Ein wenig Hoffnung hat der DRK-Mitarbeiter. Mit viel Glück kann Said nach Eisenhüttenstadt zurückkehren. Dann als Angestellter beim DRK, der für seine Arbeit entlohnt wird. Und mit einer eigenen Wohnung.

 
 

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