Naturpark Stechlin : Eine Sensation – Wald unter Wasser

Probe genommen: 11 000 Jahre alt sind die Baumreste, die unter Wasser gefunden wurden. Analysiert werden sie vom Potsdamer Geoforschungszentrum.
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Probe genommen: 11 000 Jahre alt sind die Baumreste, die unter Wasser gefunden wurden. Analysiert werden sie vom Potsdamer Geoforschungszentrum.

Forscher entdecken 11 000 Jahre alte Baumstubben in den Seen des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land.

svz.de von
03. März 2016, 12:00 Uhr

Auf dem Grund zweier Seen im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land haben Forscher tausende Jahre alte Baumstubben entdeckt. Sie sind mit dem Grund verwurzelt und erstaunlich gut erhalten. Wuchsen einst Bäume, wo heute Wasser ist?

„Es geht um den Wald unter Wasser, es hört sich erst mal komisch an, aber so ist es“, sagt Knut Kaiser vom Geoforschungszentrum Potsdam. Der Geomorphologe beschäftigt sich von Anfang an mit der Entdeckung. Kaiser bittet darum, die Klarnamen der Seen nicht zu nennen, um Tauchtourismus zu verhindern und die sensiblen Forschungsobjekte vor Schäden zu bewahren.

Es habe 2014 begonnen. Mitglieder des Tauchclubs Nehmitzsee fanden die ersten Stubben – in fünf Metern Tiefe. Die Holzstrukturen waren erstaunlich gut erkennbar. Der Querschnitt des Holzes wirkte wie ein frischer – auf keinen Fall aber wie der eines Baumes, der vor 11  000 Jahren an dieser Stelle stand. Für Taucher und Forscher eine Sensation. Außer in der Ostsee war bis dahin im norddeutsch-nordpolnischen Flachland kein „subaquatischer Wald“ bekannt. Knut Kaiser hatte sich unter Forscherkollegen umgehört.

Im darauffolgenden Jahr, im August und Oktober, seien weitere Funde gemacht worden. Stubben von Kiefern und Birken in zwei bis fünf Meter Tiefe, sagt Kaiser, in einem anderen See, der sich ebenfalls im Naturpark befindet. Der jüngste Fund stammt vom November vergangenen Jahres – dieses Mal stießen die Taucher in sechs Metern Tiefe auf den Rest eines Waldes. Die Baumart des jüngsten Fundes sei noch nicht bestimmt. Die Analyse dauere an.

„Wir arbeiten zum Wasserhaushalt der Gegenwart und der Geschichte“, erklärt Kaiser. In den vergangenen 140 Jahren habe es sehr unterschiedliche Entwicklungen in den verschiedenen Seen gegeben. Kaiser und sein Team wollen die aktuelle Zeitreihe verlängern. „Jahre zurück geguckt haben sich die Seespiegelbefunde zum Teil dramatisch verändert“, die Müritz lag vor 800 Jahren drei Meter höher, ergänzt Knut Kaiser. Bei Prenzlau seien Bäume noch bis in die 1960er-Jahre gewachsen, heute lägen sie drei Meter unterm Wasserspiegel. Dies zeige die große Dynamik.

In einem der Naturpark-Seen, in denen Stubben gesichtet wurden, schwankte der Wasserspiegel in den vergangenen 40 Jahren nur um einen halben Meter. Als die Forscher auf die Stubben stießen, war also klar, dass sie deutlich älter sein müssten. Wie alt sie tatsächlich sind, habe die Experten sehr überrascht. Die Radiokohlenstoff-Datierungen von drei Kiefern auf dem Seegrund ergab schließlich das Alter von etwa 11 000 Jahren. Die Erkundung der insgesamt sieben Funde wurde ausgedehnt, ein Tauchroboter des Leibnitz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) eingesetzt. Mit Sonartechnik aus Greifswald wurde der Seegrund untersucht. Ergebnis all dieser Bemühungen: Die Stubben stammen sicher aus der Zeit 9 000 bis 8 300 vor Christus. Tief im Seeboden sei zudem Torf gefunden worden, dies passe zum Befund. Der Torf deute darauf hin, dass es einst bewaldetes Land war.

Wie ist es unter Wasser geraten? „Darüber machen wir uns jetzt Gedanken“, sagt Kaiser. Und ebenso darüber, wie Holz nach 11 000 Jahren unter Wasser so gut erhalten sein kann. Ganz zu Beginn hatte Knut Kaiser nicht ausgeschlossen, dass Stubben nach einer Abholzung womöglich im See verklappt wurden. Nach der ersten Inaugenscheinnahme war dieser Gedanke nur noch absurd. Dass der Boden rund um die Stubben sowohl Seesedimente als auch Basistorf enthält, zeige deutlich: „Der Seespiegel war einmal höher als heute, vor tausenden Jahren aber auch deutlich tiefer“, sagt Kaiser. Anhand der Ablagerungen lasse sich dies ablesen. Auch in Schweden und Polen seien „Unterwasserwälder“ entdeckt worden, ebenso wie im weiter entfernten Neuseeland und in Nordamerika. Hierzulande seien solche subaquatischen Vorkommen aber neu.

Kaiser hat zwei Theorien. Die erste gründet auf der Erwärmung der Erde. Das unter dem mit Wald bewachsenen Land liegende Toteis könnte aufgetaut sein. Die Bäume wurden Kaiser zufolge überflutet und sind abgestorben. Der Kiefernwald im Tal könnte – Theorie zwei zufolge – auch ohne auftauendes Eis mit Wasser vollgelaufen sein. An der Universität Potsdam arbeitet Student Carsten Breitbach derzeit an seiner Diplomarbeit zu den jahrtausendealten Stubben – unter Kaisers Anleitung. Im Sommer soll sie vorliegen.

Derweil werden Kaiser und Breitbach weitere Holzreste in Augenschein nehmen, die ein Badender einst bei Niedrigwasser aus einem der Seen im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land geborgen und in seinem Wohnzimmer ausgestellt hat. Möglicherweise handelt es sich auch dabei um Kiefern, die 9000 vor Christus die Vegetation hierzulande prägten.

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