Oderbruch : Eine Dorfkirche voller Geheimnisse

Restauratorin Marlies Genßler arbeitet an einem Gemälde am Altar der kleinen Fachwerkkirche.
Restauratorin Marlies Genßler arbeitet an einem Gemälde am Altar der kleinen Fachwerkkirche.

Die kleine, windschiefe Fachwerkkirche im Oderbruch-Örtchen Altbarnim beschäftigt ihre Nutzer seit Jahrhunderten. Derzeit wird barocker Kanzelaltar restauriert.

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30. November 2019, 05:00 Uhr

Die Jahreszahl 1776 steht über der Eingangstür im Altarraum der winzigen Fachwerkkirche Altbarnim (Märkisch-Oderland). Dass es sich dabei tatsächlich um das Erbauungsjahr des windschiefen, seltsam zusammengeschustert wirkenden Gotteshauses handelt, ist nirgendwo belegt. „Wir gehen mal davon aus“, sagt Restauratorin Marlies Genßler und wischt sich Farbkleckse von den Händen.

Vor 20 Jahren hat die Fachfrau aus Sternebeck (Märkisch-Oderland) erste restauratorische Untersuchungen in dem winzigen Sakralbau angestellt, später Übermalungen freigelegt, vom Holzwurm zerfressene Stellen wieder befestigt. Derzeit arbeitet sie an dem barocken Kanzelaltar, der im Kirchenraum steht und irgendwie zu groß wirkt. Komplett aus Holz suggeriert die ursprüngliche Bemalung eine bläuliche Marmorierung. Schnitzereien sind mit Blattgold verziert. Bis zur Christmette sollen die aktuellen Restaurierungsarbeiten am Altar des Gotteshauses abgeschlossen sein.

Was seine Entstehungsgeschichte betrifft, dürfte der Altar sogar noch älter sein als die Kirche selbst, sagt die Restauratorin. „Mündlich überliefert wurde, dass er in Teilen aus der früheren Stadtkirche in Altfriedland (Märkisch-Oderland) stammt, die 1733 wegen Baufälligkeit abgerissen worden war. Die Kanzel in der Mitte passt aber eigentlich nicht dazu“, sagt Genßler. Und auch die geschnitzte Christus-Figur, die sie noch in ihrer Werkstatt hat, sei höchstwahrscheinlich früher entstanden als der Altar. Woher beide Elemente stammen, ist ungewiss.

Dass es zur Entstehung der Kirche in Altbarnim kaum Unterlagen gibt, dürfte vor allem daran liegen, dass es sich genau genommen um einen Schwarzbau handelt. Das Fischerdörfchen gehörte damals eigentlich zum Sprengel der 13 Kilometer entfernten Marienkirche in Wriezen (Märkisch-Oderland). Zum Gottesdienst dorthin kamen die Altbarnimer häufig nur per Kahn, wenn die Oder mal wieder Hochwasser führte. Die Dorfgemeinschaft entschied deshalb, sich ein eigenes Bethaus zu bauen – preußisch schlicht mit rustikalen Balken und Kirchenbänken sowie Kosten sparend mit Inventar, das woanders nicht mehr gebraucht wurde.

Die dreiseitige Empore ist nach Auffassung der Restauratorin erst nachträglich eingesetzt worden, ebenso wie der vorgelagerte Treppenturm. „Diese obere Etage steht so dicht am Altar, dazu noch schief. Das muss später passiert sein“, sagt Genßler. Auch die oberen Kirchenfenster seien in diesem Zusammenhang höher gesetzt worden. Das kleine Gotteshaus sei eben „Stück für Stück“ entstanden und damit etwas Besonderes.

Offensichtlich sieht das auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ähnlich, die bisher 24 000 Euro für die Restaurierung bereitstellte und weitere knapp 25 000 Euro einer von ihr verwalteten Treuhandstiftung ausreichte. „Die Kirche ist nicht nur Zeugnis eines gemeinschaftlichen Schwarzbaus, sondern gleichzeitig eine für die Entstehungszeit typischer Fachwerk-Kirchenbau, von denen nur noch wenige Exemplare erhalten sind“, erklärt Stiftungs-Mitarbeiterin Irina Tekülve.

Ortsvorsteherin Steffi Albrecht meint, wegen der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Kirche verwundere es nicht, dass der Altar nach einer Art Baukastenprinzip funktioniere. „Irgendwie zusammengewürfelt, aber doch durchdacht.“ Nur 28 der 139 Einwohner Altbarnims seien Kirchenmitglieder, doch auch alle anderen bemühten sich um das eigenwillige Gotteshaus. „Es ist eine Kirche im Wohnzimmerformat, die alle schön finden“, so Albrecht.

Andere Infrastruktur gebe es im Dorf nicht mehr – weder einen „Konsum“ noch Post oder Arztpraxis. Spätestens zur Christmette werde die Kirche wieder richtig voll, weiß sie. Wenn alle zusammenrückten, passen ihren Angaben nach 80 Leute hinein. „Da feiern wir hier traditionell alle zusammen, als Zeichen der Ortsverbundenheit.“

Seit 1997 kümmert sich ein Förderverein um den Erhalt der kleinen Dorfkirche. Erste Spendenaktionen unter dem Motto „Lasst die Kirche im Dorf“ brachten auch durch überregionale Unterstützung finanzielle Hilfe, dazu kamen Landes- und Bundesfördermittel zur Sanierung der Außenhülle.

„Durch Fäulnis und Hausschwamm hatte sich das Fachwerk ungleichmäßig gesenkt. Der Architekt meinte aber damals, das soll nicht korrigiert werden“, sagt Dieter Sawall vom Förderverein und gibt die Erklärung, warum das Gotteshaus so windschief wirkt.

Inzwischen gebe es neue Schäden im Dach. „Da so viel wie möglich an Originalsubstanz erhalten werden sollte, blieben die alten Balken drin. Einige sind jetzt gebrochen“, sagt der Zimmerer im Ruhestand. Rund 7000 Euro würde die Ausbesserung kosten, für die der Förderverein nun wieder Spenden sammelt.

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