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Brandenburg

21. August 2017 | 14:09 Uhr

Potsdam : Eine Chance zum Neustart

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Potsdamer Hotel nimmt Obdachlose vorübergehend auf. Im Gegenzug helfen die mittellosen Gäste aus

Im Potsdamer Vier-Sterne-Haus Arcona können Obdachlose eine vorübergehende Bleibe finden und einen Neuanfang starten. Heinz Roock ist einer von ihnen. Er hat inzwischen eine Wohnung gefunden und verdient sich in dem Hotel etwas dazu.

Heinz Roocks Geschichte klingt wie eine Mischung aus Albtraum und Märchen. Bis vor wenigen Jahren hat es das Schicksal nicht gerade gut gemeint mit dem 59-Jährigen. Doch dann traf er Beate Fernengel, die ihn wie eine gute Fee aus seinem bösen Traum weckte. Fernengel kann sich noch gut an die erste Begegnung mit Roock erinnern. Der Potsdamer sei völlig am Ende gewesen, sagt sie. Darauf habe man schon allein wegen seiner äußeren Erscheinung schließen können. Inzwischen hat sich das Bild geändert. Die langen Haare sind ab, Roocks Gesicht sieht gepflegt aus, seine Sachen sind ordentlich.

Die Wandlung hat er Beate Fernengel zu verdanken. Seit zwei Jahren nimmt die Potsdamer Hotelchefin Obdachlose oder von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen wie Heinz Roock vorübergehend in ihrem Vier-Sterne-Haus am Havelufer auf. Die Hotelmanagerin ist durch einen Fernsehbeitrag darauf gekommen. „2011/2012 war ein sehr kalter Winter. In dem Bericht ging es um Obdachlose, die zu erfrieren drohten“, erzählt sie. Sie habe sich damals gefragt, warum die Leute auf der Straße um ihr Überleben kämpfen müssen, wenn bei ihr im Hotel noch Zimmer frei sind. Die 48-Jährige wandte sich an den Bereich Wohnungssicherung der Stadt Potsdam, wo die Unterbringung Obdachloser angesiedelt ist. Dort sei man zunächst sehr verdutzt über ihre Idee gewesen, Leute ohne Bleibe bei sich aufnehmen zu wollen. Dennoch kam die Zusage. Seitdem haben im Arcona etwa ein Dutzend Obdachlose eine Bleibe und Arbeit gefunden.

Fernengel hofft, dass ihre Initiative auch an anderen Standorten der bislang 15 Arcona-Häuser in Deutschland Schule macht. Derzeit werde geprüft, in welchen Städten Bedarf ist. Sie habe noch nie jemanden weggeschickt, erzählt die Hotelmanagerin. Allerdings siebe die Stadtverwaltung zuvor aus. Alkoholkranke Menschen etwa, die eine intensive Betreuung brauchen, werden nicht an das Hotel mit Blick auf die Havel vermittelt. Diejenigen, die schließlich einchecken, haben Kost und Logis frei. Im Gegenzug arbeiten die Frauen und Männer im Arcona. Sie unterschreiben für einige Wochen einen Praktikumsvertrag. Danach sollen sie wieder auf eigenen Beinen stehen können.

So war es auch bei Heinz Roock. Nach fünf Wochen im Arcona hat der Potsdamer seine neue Wohnung bezogen. „Er hat sich in der kurzen Zeit ganz toll entwickelt“, berichtet Fernengel. Inzwischen hat ihn die Hotelchefin, die zugleich Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer Potsdam ist, übernommen. Heute arbeitet Roock auf 165-Euro-Basis in dem anspruchsvollen Hotel. Er ist einer von zwei Obdachlosen, die geblieben sind. Auch der 24-jährige Robert Gorges, der im November 2013 eincheckte, hat einen festen Vertrag bekommen – eine Vollzeitstelle im Tagungsservice. Roock ist einmal die Woche im Arcona zugange. Im Sommer kümmert er sich um den Garten, im Winter fallen Dinge wie Schneeschieben an.

Fernengel ist voll des Lobes für den 59-Jährigen. „Man hat immer so seine Vorurteile über Obdachlose. Aber oftmals stellen sich die im direkten Kontakt als falsch heraus.“ Jedes Obdachlosen-Schicksal habe eine Vorgeschichte, meint die Hotelchefin. „Wenn man will, gibt es aber auch immer eine Lösung.“

Heinz Roocks Vorgeschichte begann vor mehr als zehn Jahren. Seit jener Zeit verdiente er sein Geld als Wachschützer. Doch nach einer Magen-Operation konnte er lange nicht arbeiten. „Dann kam eins zum anderen“, sagt der 59-Jährige. Zum Beispiel die Scheidung von seiner Frau. Obendrein wurde er immer wieder krank, litt unter anderem jahrelang an Thrombosen. Und schließlich klappte Roock ab. Im Herzzentrum Berlin musste ihm 2011 ein Bypass gelegt werden. Und wieder konnte Roock lange Zeit nicht arbeiten. Zu Hause stapelten sich die Rechnungen. Bald verlor der Potsdamer den Überblick. „Auf einmal war kein Geld mehr da“, sagt er. Noch nicht mal für die Miete. 2012 kündigte ihm sein Vermieter schließlich die Wohnung. Roock hatte Glück im Unglück. Das Sozialamt schickte ihn zu Beate Fernengel. „Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich ins Obdachlosenheim gemusst“, sagt der kinderlose Potsdamer. Heute kriegt er Erwerbsminderungsrente. Nach und nach kann er nun seine Schulden abzahlen. Es geht aufwärts. Roock wünscht sich, dass es so bleibt.

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