Waldgartengemeinde : Eine besondere Siedlung

Volker Kaminski  (l.) und Johannes Kirchner, Bewohner des Landhofs in Schöneiche, sitzen im Garten des Landhofes.
Volker Kaminski (l.) und Johannes Kirchner, Bewohner des Landhofs in Schöneiche, sitzen im Garten des Landhofes.

Vor 20 Jahren bauten künftige Bewohner den Landhof Schöneiche selbst – ein ökologisches Vorzeige-Wohnprojekt

svz.de von
05. September 2017, 05:00 Uhr

Johannes Kirchner und seine Frau rücken dem üppigen Grün mit Gartenschere und Säge zu Leibe, um die hölzerne, etwas marode wirkende Veranda ihres Zuhauses freizulegen. „Nach über 20 Jahren muss da mal was erneuert werden. Das ist halt so, wenn man mit Naturmaterialien baut“, sagt der 55-Jährige. Er erinnert sich noch gut daran, als die ersten Bewohner des Landhofes Schöneiche (Oder-Spree) Ende 1995 in die selbst gebaute Siedlung einzogen, die bald darauf zu einem ökologischen Vorzeige-Wohnprojekt werden sollte.

Und das nicht nur, weil die vier Reihenhäuser des Landhofes als Holzständerwerke entstanden, die mit Lehmziegeln ergänzt, außen mit unbehandeltem Lärchenholz verkleidet und deren Dächer begrünt wurden. Oder weil die Bewohner statt herkömmlicher WCs ganz bewusst Kompost-Toiletten nutzen. Sondern vor allem, weil das Wohnprojekt funktioniert, auch heute noch.

„Von den 13 Familien mit 43 Kindern, die damals einzogen, sind zwölf Gründer noch immer hier“, sagt Kirchner. Dass das Zusammenleben so harmonisch verläuft, liegt nach Ansicht von Nachbar Volker Kaminiski an der Entstehung des Landhofes, in den damals 4,5 Millionen D-Mark flossen. „Wir trafen uns in Wendezeiten beim Neuen Forum“, erinnert sich der 63-Jährige.

Alteigentümer waren inzwischen aus dem Westen Deutschlands in ihre Häuser hinter dem östlichen Stadtrand von Berlin zurückgekehrt. „Ganze Familien standen dadurch plötzlich auf der Straße.“ So entwickelte sich die Idee „von was Eigenem“, an der dann vier Jahre lang gefeilt wurde, sagt Kaminski. Nach der Grundsteinlegung 1994 hätten alle das Ersparte in einen Topf getan und gemeinsam gebaut, angefangen beim ersten bis hin zum letzten Haus, ergänzt Kirchner. Diese Erfahrung habe zusammengeschweißt. „Wir haben unter uns einen Bauingenieur, einen Tischler, einen Elektriker und Installateure. Das war ganz praktisch, weil wir so viel in Eigenleistung machen konnten“, sagt der hauptberufliche Logistikmanager.

Entstanden sind großzügige, zweigeschossige Wohnungen, zwischen 120 und 200 Quadratmeter groß und mit kleinen Gärten an der Rückseite. Geheizt wird mit Erdgas, die Heizungen befinden sich in den Wänden.

Bereut hat bisher keiner, an dieser besonderen Gemeinschaft beteiligt zu sein, sagt Andreas Lühe. „Man muss schon risikobereit sein und sich auf andere einlassen. Dafür ist immer jemand da, wenn du Hilfe brauchst“, resümiert der Landhof-Bewohner. Inzwischen sind die Holzfassaden verwittert, so manche Veranda wird morsch. Doch unter all dem üppigen Grün ist das kaum zu sehen. „Als wir anfingen, war hier nichts, nur Acker“, sagt Kirchner, dessen Angaben nach die Schöneicher Kirchengemeinde das einen Hektar große Gelände an die Wohnungseigentümergemeinschaft verpachtete. „Die Kommune hat das damals sehr unterstützt, obwohl sich das Areal im Außenbereich befand und eine Bebauung zunächst als schwierig galt“, sagt Schöneiches Bürgermeister Ralf Steinbrück (SPD). Das auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wohnprojekt passe zum ökologischen Ansatz des Ortes. „Wir sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Waldgartengemeinde mit viel Grün und wollen diesen Charakter auch erhalten. Wer ökologisch bauen will, dem zeigen wir den Landhof als Vorbild“, sagt der Bürgermeister.

Einziger Rückschlag: Trotz heftigen Protests wurden die vier Reihenhäuser vor zwei Jahren zwangsweise an das zentrale Abwassernetz angeschlossen. „Wir hatten bis dato eine selbst gebaute Pflanzenkläranlage. Da kamen Besucher sogar aus Asien, um sich erklären lassen, wie so etwas funktioniert“, sagt Psychotherapeut Kaminski. Nun liegt das Gelände brach. Wie bei allen Entscheidungen auf dem Landhof wurde demokratisch abgestimmt. Die Mehrheit der Bewohner entschied sich für das Anlegen eines Schwimmteiches, für den demnächst alle wieder mit anpacken. „Natürlich gibt es auch Meinungsverschiedenheiten. Aber bei uns steht keiner vom Tisch auf und geht im Streit auseinander“, macht Kaminski deutlich.

Der freie Platz hätte auch für ein weiteres Reihenhaus genutzt werden können. Interessenten dafür gebe es genügend, sagt Kirchner. Doch die Bewohner entschieden sich gegen Zuwachs. „Unsere Gemeinschaft ist organisch entstanden und so soll es bleiben“, sagt Kirchner.

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