Ein Zahnarzt unter Amchis

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27. Februar 2010, 01:57 Uhr

Cottbus/Lingshed | Etwas schüchtern blickt Carsten Neumann zu Boden. "So richtig kann ich es selbst nicht fassen", sagt der 48-Jährige. Seit 19 Jahren ist Zahnarzt in Cottbus. Doch ein Arbeitseinsatz führte ihn Ende Januar in das Himalaya-Gebirge. Drei Wochen lang war er in der indischen Region Ladakh unterwegs, um zu helfen. Gemeinsam mit zwei weiteren deutschen Kollegen unterrichtete er traditionelle Naturheiler. Ziel der Reise war das nordindische Gebirgsdorf Lingshed. Es liegt auf etwa 3500 Metern Höhe zwischen riesigen Bergketten. Die Anreise über Delhi und Ladakhs Hauptstadt Leh war extrem beschwerlich: Vier Tage lang marschierten die Männer bei klirrender Kälte über den zugefrorenen Fluss Zanskar und übernachteten in Höhlen - im Winter ist das der einzige Weg, das Dorf zu erreichen.

Angekommen in Lingshed, kamen ein Dutzend Naturheiler, Amchis genannt, um von den deutschen Zahnmedizinern zu lernen, berichtet Neumann. Von umliegenden Dörfern aus hatten einige dafür ein- bis zweitägige Fußmärsche auf sich genommen. "Wir haben ihnen Behandlungsmethoden gezeigt, aber auch gemeinsam Patienten betreut", berichtet der Cottbuser. Sterile Praxen gab es nicht. In einem der 80 Häuser wurde deshalb provisorisch eine Liege aufgebaut. Operieren musste Neumann mit einer batteriebetriebenen Kopfleuchte - die Amchis standen so eng um ihn herum, dass er sonst nichts gesehen hätte. "Viele Kranke kamen mit großen Löchern", erzählt der Cottbuser, "und oft mit verfaulten Zähnen." Neugierige Bewohner und Novizen drängelten sich in das kleine Zimmer oder pressten ihre Nasen am Fenster platt.

Ziel des Hilfsprojekts "Ladakhpartners", für das Neumann und seine kollegen unterwegs waren, ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Neumann operierte deshalb nur die schwierigen Fälle selbst. Gründer von "Ladakhpartners" ist sein ehemaliger Studienkollege Maik Wieczorrek aus Thüringen. "Die Ursprungsidee war, die uralte Heilkunde der Amchis am Leben zu erhalten", erklärt dieser. Die Region Ladakh ist autark und die Naturmedizin für die Bewohner überlebenswichtig. Ihre Patienten können die Heiler mit Kräutern oder Mineralien behandeln, gut ausgebildete Ärzte gibt es jedoch nicht. Seit 2004 bringt Wieczorrek sein Wissen, Medikamente und Geld nach Lingshed. Mittlerweile besitzen die Amchis für zahnmedizinische Probleme Spritzen, Zangen, Hebel und sogar Solarbohrer. "Mit unserer Hilfe verbessern sie ihre Fertigkeiten", sagt Wieczorrek. Erst seit seinem Engagement verwendeten die Amchis Narkosemittel beim Zähneziehen.

Für Carsten Neumann war es die erste Reise nach Ladakh. Im kommenden Jahr wäre er gerne wieder dabei. Die Bewohner haben ihn tief beeindruckt, sagt er, besonders ihre Fröhlichkeit. "Die Menschen haben ihre Familie, ihre Tiere, ihre Religion. Das reicht ihnen, um glücklich sein", sagt er voller Respekt. Nach zehn Tagen, erinnert sich Neumann, bekam er zum Waschen erstmals wieder einen Eimer warmes Wasser. "Purer Luxus", sagt er lachend.

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