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Geschlechterdiskriminierung bei Versicherungen unerlaubt : Ein Tarif für Mann und Frau

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Ob Mann oder Frau - auch Versicherungen müssen beide Geschlechter künftig gleich behandeln. Dies entschied der Europäische Gerichtshof. Der "Risikofaktor Geschlecht" soll bis 2012 aus den Berechnungen verschwinden.

svz.de von
erstellt am 01.Mär.2011 | 08:03 Uhr

Brüssel | Ob Mann oder Frau - auch Versicherungen müssen beide Geschlechter künftig gleich behandeln. Mit dieser Entscheidung hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg gestern die Assekuranz-Branche in helleAufregung versetzt. Spätestens zum 21. Dezember 2012 müssen alle Tarife gleichgeschaltet sein. Der "Risikofaktor Geschlecht" soll bis dahin aus den Berechnungen verschwinden.

Bislang werden die Tarife nach dem statistischen Risiko berechnet. Frauen bezahlen beispielsweise weniger für ihre Autoversicherung, weil sie seltener Unfälle bauen. Dafür kommt sie ihre längere Lebenserwartung (derzeit 86 gegenüber 81 Jahre der Männer) bei privaten Rentenversicherungen teuer zu stehen. "Frauen leben länger und gehen häufiger zum Arzt. Die Unterschiede sind wirklich krass", sagte eine Sprecherin des Ergo-Versicherungskonzerns. Deshalb lägen die Monatsbeiträge für eine Kranken-Vollversicherung der Frauen zwischen 30 und 50 Euro höher. Verbraucherschützer beklagen solche Ungleichbehandlung schon lange: Würde eine 41-jährige Frau heute eine private Krankenversicherung, Renten- und Berufsunfähigkeitsversicherung sowie Risikolebensversicherung abschließen, müsste sie für ihre Policen rund 1200 Euro im Jahr mehr zahlen als ein gleichaltriger männlicher Zeitgenosse. Eine solche Praxis "läuft der Verwirklichung des Ziels der Gleichbehandlung von Frauen und Männer zuwider", meinten die Luxemburger Richter gestern unter Berufung auf die EU-Gleichstellungsrichtlinie von 2004, die aber Ausnahmen für Versicherungen zuließ. "Nach Ablauf einer angemessenen Übergangsfrist ist diese Praxis als ungültig anzusehen."

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft "bedauerte" den Spruch. Mit der Entscheidung werde ein "zentrales Prinzip der privaten Versicherungswirtschaft" in Frage gestellt. Es geht um das Verhältnis von Beitrag und Leistung, die unterschiedlich seien, weil sich statistisch nachweisen lasse, dass Männer und Frauen unterschiedlich lebten und sich unterschiedlich verhielten.

Die Verbraucherschützer warnten die Versicherungskunden allerdings vor übereilten Entscheidungen. Es sei nicht "ratsam, laufende Verträge zu kündigen", sagte Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Denn: Die Neuregelung ab Dezember 2012 gilt ausschließlich für Policen, die danach abgeschlossen werden. Bestehende Abschlüsse sind von der Umstellung nicht betroffen. (Aktenzeichen Rechtssache C-236/09)

KOMMENTAR

Der einzige Ort, wo Männer und Frauen künftig noch unterschiedliche Tarife zahlen dürfen, ist der Friseur. Legt man die EU-Grundsätze sehr eng aus, stellt auch diese Ungleichbehandlung eine Differenzierung aufgrund des Geschlechts dar, die im Widerspruch zur EU-Richtlinie steht. Das Beispiel ist nicht nur witzig gemeint. Die Popularität der höchstrichterlichen Entscheidung überdeckt ein Problem bei der Berechnung von Tarifen. Diese orientierten sich an statistischen Daten. Das wird nun anders. Wenn die Ansprüche, die ja tatsächlich je nach Geschlecht unterschiedlich sind, keine Rolle mehr spielen dürfen, wird die Tariffindung zum Lotteriespiel. Der eine zahlt mehr, als er müsste, der andere weniger. Sehr plausibel ist das nicht. Dass Unisex-Tarife dennoch zum gesellschaftlichen Alltag gehören, ist unbestritten. Die Versicherer haben zu lange blockiert, anstatt neue Tarifmodelle ohne Diskriminierung anzubieten. Das ist das Problem. Hinzu kam, dass man Frauen Lasten aufbürdete, die beide zu gleichen Teilen hätten angerechnet werden müssen - beispielsweise die Ausgaben für Schwangerschaft und Geburt. Solche Berechnungen sind diskriminierend und gehören verändert. Hier hätte die Assekuranz-Branche längst tätig werden können und damit vermieden, dass man sich nun von Richtern vorschreiben lassen muss, wie demnächst Neuverträge abgefasst werden müssen.

Detlef Drewes


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