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Galerie im Guckkastenformat : Ein Projekt des Herzens

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kleinste Galerie Deutschlands feiert fünfjähriges Bestehen – Kunst an ungewohntem Ort

svz.de von
erstellt am 08.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Man radelt oder spaziert, und plötzlich steht man vor einer Galerie. Zu entdecken erst auf den zweiten Blick, äußerlich hat die Galerie nichts mit einem Ort zu tun, in dem man Kunst bestaunt. Sie hat 365 Tage im Jahr Tag und Nacht geöffnet. Ist es dunkel, betätigt man den Lichtschalter und erkundet durch ein Fenster, was sich innen zeigt. Man kann eintauchen in andere Welten, sich mitnehmen lassen auf Reisen in unbekannte Sphären, träumen oder lachen.

Vor fünf Jahren installierte Michael Pommerening die erste „Kleinste Galerie Deutschlands“ im Falkenhagener Ortsteil Regenmantel (Märkisch-Oderland). „Hier, an unbekannten Orten, hier, wo sie niemand vermutet, soll Kunst Freude bringen, provozieren, sich einmischen“,  sagt der Galerist und Journalist, der zwischen Berlin und Regenmantel pendelt. Inzwischen ist das Projekt des Vereins KunstRegen angekommen bei Malern, Bühnenbildnern, Grafikern, Fotografen.

34 Künstler gaben bisher Einblick in ihr Schaffen. Sie müssen inzwischen mehr Arbeiten mitbringen. Das Trafohaus in Regenmantel, das der Energieversorger abreißen wollte, erhielt Zuwachs. 2013 kam die alte Waage wenige Kilometer weiter in Dolgelin hinzu. Wo früher von Bauern der LPG Weizen, Kartoffeln und Schweine gewogen wurden, ist jetzt Kunst zu sehen. 2016 folgte eine weitere Trafostation in Reitwein, der Pommerening mit Ehefrau Sabine zu neuem Leben verhalf. Die drei Gebäude ergeben ein geografisches Dreieck, dem Geübte beim Radausflug leicht folgen können.

Matthias Friedrich Mücke übernahm es, zum kleinen Jubiläum die Mini-Galerien zu bestücken. „Sehr spannend“, bekannte der Maler und Buchgestalter bei der Vernissage in Regenmantel. 2015 hatte er dort schon einmal Bilder gezeigt. „Das hier ist ein Projekt des Herzens“, sagte er. Das sei ganz nach seinem Geschmack. Für ihn gehöre Kunst nicht nur in Großstädte, wo sie sich stapelt, die Betrachter übersättigt sind. Aus der Guckkastenperspektive würden Menschen einen Blick auf Kunst werfen, die wohl nie eine Galerie besuchen. Sich auf eine Auswahl eigener Arbeiten zu begrenzen, sei auch für ihn als Künstler herausfordernd.

Mücke zeigt an den drei Orten 21 Arbeiten aus von ihm gestalteten Künstlerbüchern. Er fasst ständig Geschichten in Büchern zusammen, illustriert sie wunderbar überspitzt und mit schrillen Farben. „Er macht aus leeren Straßen bunte Alleen, aus unscheinbaren Häusern glanzvolle Villen, aus ollen Kaschemmen stilvolle Restaurants und aus leeren Zimmern prunkvolle Apartments“, so Pommerening. Mücke erzähle die kleinen Geschichten des Alltag neu, mache sie zu Abenteuern, hole sie aus dem drohenden Vergessen ans Licht.

Mücke bietet im Zeitalter von Globalisierung, Turbokapitalismus und Internet mit seinen Bildern Gegenstücke, schöpft aus eigenen Erinnerungen, stößt Sensoren im Gedächtnis des Betrachters an. Er gewährt Einblicke in die Kindheit, die frei von Normen und Vorgaben, voller Fantasie und Neugierde war.

„Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, steht für Pommerening fest. Man brauche sie und damit verbundene Geschichten, um Fantasie leben zu können. Mücke, der 2013 Brandenburgs Kunstpreis für Grafik erhielt, fügt gerade einige Erinnerungs-Geschichten in einem weiteren Künstlerbuch zusammen. Mit den bis zum 17. August gezeigten Arbeiten, macht er schon mal neugierig.  

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