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Stahl- und Walzwerks in Brandenburg/Havel : Ein Leben für den Stahl

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Industrieproduktion in der Mangelwirtschaft. Ex-Kombinatsdirektor Hans-Joachim Lauck erinnert sich.

Wie war es, in der DDR einen großen Industriebetrieb zu führen? Hans-Joachim Lauck beschreibt in seiner Biografie auf sehr unterhaltsame Art das Glück der Aufbaujahre und die Nöte der Planwirtschaft am Beispiel des Stahl- und Walzwerks in Brandenburg/Havel.

Als das kriselnde Werk aus dem Gröbsten raus war, befand der Chef, dass die Stahlkocher neue Duschräume verdient hätten. Das Material war knapp, auch an Fliesenlegern mangelte es. Also organisierte Hans-Joachim Lauck an offiziellen Kanälen vorbei Hilfe aus Polen – „zügig und in anständiger Qualität“. Prompt gab es Ärger mit Leuten „höheren Ortes“ im Staat, außerdem fehlte schon einen Tag nach Übergabe der fertigen Anlage ein Großteil der verchromten Duschköpfe. Gemaust von den Werktätigen, die daheim so schöne Dinge nicht hatten.

Es folgte ein Donnerwetter des Kombinatsdirektors vor versammelter Mannschaft – und sein Versprechen, jedem einen Duschkopf zu besorgen, wenn die Klauerei aufhöre. Mehrere Tausend Bestellungen gingen daraufhin ein. Lauck nutzte vom Werk erwirtschaftete Devisen, um über die Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Alexander Schalck-Golodkowski die Duschköpfe im Westen zu besorgen.

Es ist eine von vielen Anekdoten über sein Leben als Wirtschaftslenker in der DDR, die Hans-Joachim Lauck in seiner soeben erschienenen Biografie erzählt. Der inzwischen 79-Jährige war nach einigen Berufsjahren in Hennigsdorf ab 1970 Direktor des Stahl- und Walzwerks in Brandenburg/Havel und von 1986 bis 1989 Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau in der DDR.

Vor allem die Zeit in Brandenburg hat ihn dabei geprägt. Lauck führt den Lesern die besonderen Herausforderungen der Stahlproduktion in der DDR vor Augen, auch für Laien verständlich und ohne sich unnötig in Details zu verlieren. So fand er bei seinem Start ein marodes Werk mit einem Krankenstand unter den Mitarbeitern von 30 Prozent vor. Um moderne Hochöfen betreiben zu können, fehlte es an Erz und Koks. Lauck arbeitete mit dem, was er hatte, verbesserte die Abläufe und vor allem die Motivation der Belegschaft. Von Anfang an war ihm klar, dass es ohne eine leistungsorientierte Bezahlung nicht geht.

Nicht nur damit lag er neben der offiziellen Linie, wie er in seinem Buch an zahlreichen Beispielen ausführt. Der Stahl, das Werk und die Mitarbeiter – mehr interessierte ihn nicht. Die Einmischung der SED-Parteiführung in seine Belange nervte ihn, Anwerbeversuche der Staatssicherheit wies er zurück. Lauck beklagt zudem mangelnden wirtschaftlichen Sachverstand in der Regierung. Richtig sauer ist er über die Zwangsverstaatlichung auch kleiner Betriebe in der DDR sowie die Auflage an die großen Kombinate, fünf Prozent ihrer Produkte in Form von Konsumgütern herzustellen.

Freilich ohne sich damals offen dagegen zu stellen, hat er sich gemeinsam mit vielen Mitstreitern in Brandenburg quasi eine eigene Welt gebaut – mit einem hoch produktiven Werk, guten Freizeiteinrichtungen und einem erfolgreichen Fußballverein. Der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Stahl Brandenburg sind gleich mehrere Kapitel in dem Buch gewidmet. So beschreibt Lauck mit feiner Ironie, wie es ihm gelang, anderswo in der DDR wegen politischer Fehltritte in Ungnade gefallene Top-Fußballer an die Havel zu lotsen. Oder welche Kopfschmerzen es ihm bereitete, Kameraleute des DDR-Fernsehens dahingehend zu instruieren, dass bei Spielberichten die Baustelle der neuen Stadiontribüne nicht im Bild zu sehen ist, denn die war ein von ihm initiierter Schwarzbau.

Weniger Herzblut floss in seinen Ministerjob, für den er gegen seinen Willen auserkoren wurde. Man habe ihm deutlich gemacht, dass er erledigt sei, wenn er nein sage. Nur einige Stichpunkte widmet er im Buch seinem Berufsleben nach der Deutschen Einheit. Er arbeitete unter anderem als Unternehmensberater.

Auf ein Fazit zur DDR verzichtet Lauck ausdrücklich. „Ein jeder bilde sich sein Urteil“, schreibt er. Aber die Aufbaujahre seien für ihn sehr schön gewesen. Seine Biografie ist weder Abrechnung noch Verherrlichung, sondern vor allem kurzweiliger Lesegenuss mit spannenden Innenansichten zur DDR.  


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