Ein Koffer voller Geschichten

Der jetzige und die früheren Ministerpräsidenten von Brandenburg (l-r) Dietmar Woidke, Manfred Stolpe und Matthias Platzeck (alle SPD) hatten viel zu erzählen.
Der jetzige und die früheren Ministerpräsidenten von Brandenburg (l-r) Dietmar Woidke, Manfred Stolpe und Matthias Platzeck (alle SPD) hatten viel zu erzählen.

25 Jahre Brandenburg – regiert von drei Männern: Stolpe, Platzeck und Woidke im Talk über Politik, Musik und dumme Entscheidungen

svz.de von
02. September 2015, 16:04 Uhr

25 Jahre Brandenburg – regiert von drei Männern. Die Alt-Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck sowie der aktuelle Regierungschef Dietmar Woidke blickten bei einer Veranstaltung der Märkischen Oderzeitung in Kooperation mit dem RBB-Fernsehen auf die vergangenen Jahre zurück.

Manfred Stolpe kam am Dienstagabend als Erster ins Kleist Forum von Frankfurt (Oder). Als ehemaliger Bundesverkehrsminister reiste er aus Potsdam mit dem Zug an, ohne Entourage. Er schaute sich das Haus an und lobte es dann vor Beginn der Fernsehaufzeichnung ausdrücklich. Er sei zu selten hier gewesen, stellte er fest. „Ich müsste öfter mal eingeladen werden“, schob er nach und produzierte noch vor Beginn den ersten Lacher im ausverkauften Kulturzentrum der Oderstadt.

Der 79-Jährige kann immer noch das Eis brechen und einen ganzen Saal bespielen. Und natürlich immer wieder mit unbekannten Aspekten zur Zeitgeschichte aufwarten. Das war genau das, was sich die Märkische Oderzeitung und der RBB erwartet hatten, als sie sich an die schwierige Aufgabe machten, die drei nach wie vor schwer beschäftigten Herren an einem Abend zu vereinen, wie MOZ-Chefredakteur Frank Mangelsdorf zu Beginn der Veranstaltung erklärte. Stolpe berichtete denn auch zunächst von den schweren Aufbaujahren nach der Wende.

Damals, als es galt, die industriellen Kerne im Land zu erhalten – oftmals gegen die Treuhand, die alles nur so schnell wie möglich loswerden wollte, so der SPD-Politiker. Die Schließung des Frankfurter Halbleiterwerks wertete er als eine der großen Niederlagen für seine Regierung. Gelegen habe das auch daran, dass die CDU-regierten Bundesländer Sachsen und Thüringen damals mehr Unterstützung bei der Rettung von Standorten der DDR-Elektronikindustrie seitens des Bundes erfuhren als Brandenburg.

Matthias Platzeck, zunächst Umweltminister im Kabinett Stolpe, erinnerte sich an die dienstäglichen Ministerrunden, in denen jede Woche ein Ressortchef ausgeguckt wurde, der wieder einer Belegschaft klar machen musste, dass ihr Betrieb geschlossen wird. Das Schlimmste sei es gewesen, die Brandenburger aufzufordern wegzuziehen und sich woanders eine Zukunft aufzubauen. Von da bis zum heutigen Fachkräftemangel war es ein weiter Weg.


Schwierigkeiten zur Identität zu finden


Der Brandenburger an sich, darin waren sich die drei SPD-Politiker einig, ist bodenständiger als der Berliner und brauche länger, bis er sich auf etwas oder jemanden einlässt. Ehrlichkeit werde besonders groß geschrieben, sagte der Lausitzer Woidke. Das Land habe es zu Beginn der 90er schwer gehabt, zu seiner Identität zu finden, erinnerte sich Stolpe. Thüringisches oder Sächsisches habe auch zu DDR-Zeiten Erwähnung gefunden – Brandenburg sei weitgehend totgeschwiegen worden. Deshalb habe es im frisch wieder gegründeten Bundesland Brandenburg keine offizielle Veranstaltung ohne rot-weiße Fahnen oder die „Märkische Heide“ gegeben – „obwohl ich nicht singen kann“, wie Stolpe anmerkte.

Ein schwerer Lernprozess in den 1990er-Jahren war es, dass die Mittel von Polizei und Justiz nicht reichten, um Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu begegnen. „Ich bin sehr, sehr froh, Ministerpräsident in einem Land zu sein, in dem sich Hunderte Initiativen engagieren“, sagte Dietmar Woidke mit Blick auf die ankommenden Flüchtlinge. Deren Integration könne Brandenburg voranbringen, so wie es in der brandenburgisch-preußischen Geschichte immer wieder der Fall gewesen sei.

Im zweiten Teil der Veranstaltung ging es lockerer zu. Die Herren zogen am letzten heißen Sommerabend ihre Jacketts aus und plauderten beispielsweise über ihre Musikvorlieben. Woidke ist Experte für Rock und Pop. Hat in früheren Jahren aufmerksam die britische Szene verfolgt und war regelmäßig auf Konzerten unterwegs. Auf die Frage nach seinem letzten Konzert sagte er zunächst freimütig: eine niederländische Band im Kreuzberger Kultclub SO 36. Die Nachfrage, ob das in der Zeit als Ministerpräsident war, beantwortete Woidke nicht. Er kann schließlich schlecht zugeben, dass er sich hin und wieder seinen Sicherheitsleuten davonstiehlt, um musikalisch auf dem Laufenden zu bleiben.


Vom Klavierspiel zum Basketball


Platzeck liebt es dagegen eher klassisch. Sein Großvater war Kantor und setzte durch, dass der Junge sechs Jahre lang Klavier lernte. Als er später die Schule wechselte, stand er vor der Frage, ob er Basketball spielen oder weiter Klavier üben solle. Matthias Platzeck traf die „dümmste Entscheidung meines Lebens“. Schließlich war er für eine Zukunft im Basketballspielen zu klein. Und mit Klavierspielen hätte er die Mädchen bestimmt stärker beeindrucken können, blickte der Potsdamer schmunzelnd zurück.

Endgültig wurde auch die Frage geklärt, warum die beiden Sozialdemokraten Stolpe und Platzeck sich entgegen der Gewohnheiten in ihrer Partei nach wie vor siezen. „Es gab nie die richtige Gelegenheit“, erklärte der Jüngere von beiden. Und irgendwann stellten beide fest, dass das gegenseitige „Sie“ in ihrem Umfeld schon Kultstatus hat – also wird es dabei bleiben.

Zu Stolpes Angewohnheiten zählt es seit jeher, Aufzeichnungen zu machen. Auf 400 Notizbücher hat er es inzwischen gebracht. Von einem „persönlichem Schatz“ sprach er schmunzelnd. Dieser befindet sich mit einem Zahlenschloss gesichert in einem Koffer.

Noch hat Stolpe nicht entschieden, was damit einmal geschehen soll. Vielleicht werde ein bestimmtes, nicht genanntes, vertrauenswürdiges Archiv den Koffer eines Tages übernehmen, deutete er an. Schließlich beinhalten die Notizhefte auch Persönliches über ehemalige Gesprächspartner. Es sei erstaunlich, mit wem man 1985/86 Gespräche führen musste, weil sie damals wichtig waren und die heute vergessen sind, endete der 79-Jährige geheimnisvoll.

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