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Bürgerstreife in Lawitz : Ein Dorf schützt sich selbst

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Bewohner von Lawitz wissen sich nicht anders zu helfen, als mit einer Bürgerstreife für Sicherheit zu sorgen

Weil sie sich von der Polizei alleingelassen fühlen, fahren die Bewohner einer kleinen Gemeinde an der Grenze zu Polen seit anderthalb Jahren selbst Streife. Seitdem gibt es kaum noch Einbrüche oder Diebstähle. Ans Aufhören ist trotzdem nicht zu denken.
Keine Vorkommnisse, keine Polizei, wird Bürgermeisterin Gudrun Schmädicke am Ende der Schicht in das blaue Tagebuch in DIN-A4-Format notieren. So wie in der Vergangenheit häufig war es auch in dieser Nacht ruhig in Lawitz (Oder-Spree).

Fremde Fahrzeuge, auffällige Personen oder gar versuchte Einbrüche – Fehlanzeige. Vor anderthalb Jahren war das noch ganz anders. Dann gründeten die Lawitzer eine Bürgerstreife. „Wo seid ihr?“, rauscht es aus dem Walkie-Talkie an der blauen Jacke von Jürgen Meisel.

Eine Hand am Lenkrad, die andere an dem gelben Funkgerät steuert er sein Auto mit zehn Kilometern pro Stunde durch die gewundenen Straßen von Lawitz. Links Einfamilienhäuser, rechts Einfamilienhäuser, vor ihnen Zäune, Garagen, Carports.

„Wir kommen gerade vom Friedhof runter“, funkt Jürgen Meisel zurück. Neben ihm erhellt das rot-orangefarbene Licht einer Straßenlaterne das Gesicht von Mitfahrer Marko Schmidt. Sein Blick schweift über abgestellte Familienkutschen, dunkle Fenster, geschlossene Eingangstüren. Wüsste man es nicht besser, könnte man den silberfarbenen Pkw, der da um ein Uhr nachts durch das 630-Seelen-Dorf schleicht, glatt für das halten, wonach die beiden Männer suchen: ein verdächtiges Objekt.

Nur das rote Blinklicht, mit einem Magnet auf dem Autodach befestigt, gibt die Bür-gerstreife zu erkennen. Nacht für Nacht dreht sie in Lawitz ihre Runden – zu Fuß oder wie jetzt im warmen Auto –, „um Bewegung herzustellen“, wie Marko Schmidt sagt. Diebe sollen nicht denken, dass sie hier, am äußersten Rand von Brandenburg, unbeobachtet von der Polizei leichtes Spiel hätten.

Seit 2013 häuften sich die Diebstähle in dem zwischen Eisenhüttenstadt und Neuzelle gelegenen Dorf merklich. Roman Kühne, dem Initiator der Bürgerstreife, wurden kurz hintereinander drei Motorräder geklaut; Florian Schmädicke, der Sohn der Bürgermeisterin, stand in seiner Garage drei Eindringlingen gegenüber. „Irgendwann müssen die mitbekommen haben, dass es hier in Lawitz einen Biker-Club und die entsprechenden Maschinen gibt“, meint Gudrun Schmädicke.

Mit ihrem Mann Wilfried steht die Bürgermeisterin in eine neongelbe Warnweste gehüllt hinter der Ortseinfahrt von Lawitz, dort wo sich Haupt- und Gartenstraße kreuzen und ein schmales Rinnsal die Gemeinde durchfließt.

„Die“ seien zwar nicht zwangsläufig Polen, gibt die Bürgermeisterin zu, aber der Vorfall mit ihrem Sohn – die hochgewachsenen Gestalten sprachen polnisch miteinander – zeige, dass es sich oft um Grenzkriminalität handele.

Motorengeräusche stören die nächtliche Stille. Ein schwarzer Pkw nähert sich der Dorfeinfahrt, wird langsamer, biegt dann rechts in die Gartenstraße. Lawitz ist ein Sackdorf. „Wer hier reinkommt“, sagt die Bürgermeisterin, „hat ein Ziel“. Ihr Mann gibt Entwarnung: ein Lawitzer – das Nummernschild ist Wilfried Schmädicke bekannt. Alles unter Kontrolle. Noch lieber wäre es ihm allerdings gewesen, der Fahrer hätte kurz angehalten, das Fenster runtergelassen und sich durch einen Gruß zu erkennen gegeben.

Es war Wilfried Schmädicke, der vorhin den fahrenden Teil der Streife angefunkt hat. Am Dorfeingang Präsenz zeigen und Streife fahren – die Zweier- Teams wechseln sich damit ab. Dass sie noch nie einen Dieb auf frischer Tat ertappt haben, stört die Lawitzer nicht. Im Gegenteil: Es bestätigt sie in ihrer Mission, sich selbst zu schützen.

In einer Berichterstattung des NDR wurden sie deswegen jüngst als fremdenfeindliche Phantomjäger dargestellt. „Wir fühlen uns vorgeführt“, kommentiert Gudrun Schmädicke. Und missverstanden. Bürgerwehr sei die falsche Bezeichnung, sie seien ja nicht rechts. Und dass 2014 bei der Landtagswahl 28 Prozent für die AfD stimmten – so viele wie nirgends sonst – wollen die Bürger als Hilfeschrei verstanden wissen. Die Partei wollte die Grenzkontrollen zu Polen wieder einführen.

Den Lawitzern würde schon Polizeipräsenz reichen. Eine entsprechende Petition blieb erfolglos. Von der Landesregierung fühlen sie sich im Stich gelassen. Und jetzt, wo immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland drängen, fürchten die Lawitzer, ganz in Vergessenheit zu geraten. E

in Hauseingang nach dem anderen erscheint in hellem Licht, sobald sich das Auto von Jürgen Meisel nähert. Bewegungsmelder, ob zum Einschalten eines Lichts oder zum Auslösen eines Alarms, sind hier im Dorf Standard. Aus einfachen Riegeln, erzählt Meisel, wurden Vorhängeschlösser, aus Holztüren robuste Eisentüren.

Ihre gesamten Ersparnisse hätten einige Lawitzer in die Sicherheit ihrer Häuser gesteckt. Im Zusammenspiel mit der Wachsamkeits-Offensive der Freiwilligen zeigt das Wirkung: 29 Diebstähle wurden 2014 angezeigt, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres nur einer. Andere Gemeinden in der Grenzregion folgen dem Beispiel der Lawitzer.

Jüngst hat sich in der Nachbargemeinde Neuzelle eine Bürgerstreife gegründet. Warum also nicht wieder ein Dorfleben ohne Bürgerstreife wagen? „Es würde nur eine Woche dauern, dann ist es wie vorher“, ist sich Gudrun Schmädicke sicher. Das Problem verlagere sich nur auf die umliegenden Dörfer.

In der Silvesternacht, erzählt sie, habe die Bürger-streife nicht patrouilliert, prompt versuchten Diebe das neue Motorrad von Roman Kühne zu stehlen. Sie sind an seinen Sicherheitsvorkehrungen gescheitert. Zwar schwindet auch unter den Lawitzern die Bereitschaft, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen – von anfangs 130 Freiwilligen beteiligen sich nur noch 50 an der Bür-gerstreife – doch ans Aufhören denkt der harte Kern nicht.

Was ist die Alternative? Mit der Polizei eine Sicherheitspartnerschaft eingehen, wie es 70 Städte und Gemeinden im Land tun? Auf gar keinen Fall: Die Lawitzer wollen sich nicht für etwas instrumentalisieren lassen, das für sie Aufgabe der Polizei ist. Lieber sorgen sie auf unbestimmte Zeit selbst dafür, wieder ruhig schlafen zu können.

Annemarie Diehr

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