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Plastinarium Guben : Ein Blauwal-Herz für die Ewigkeit

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Im Plastinarium Guben wird als Weltpremiere das Organ eines Blauwales konserviert

svz.de von
erstellt am 31.Jan.2017 | 12:00 Uhr

„Das ist wirklich fantastisch.“ Mark Engstrom vom Royal Ontario Museum im kanadischen Toronto kann seine Augen nicht vom 200-Kilogramm-Koloss lassen, der in einer Halle im Plastinarium steht. Dass es sich dabei um ein Herz handelt, ist fast unglaublich. Vor drei Jahren schlug es noch in einem mindestens 30 Jahre alten, etwa 24 Meter langen und 90 Tonnen schweren Blauwal-Weibchen, das 2014 mit acht anderen Blauwalen vor der kanadischen Insel Neufundland vom Eis erdrückt wurde.

Wissenschaftler reden von einer Tragödie, da so viele der noch immer geheimnisvollen Tiere auf einmal starben. Die Population in dem Gebiet ist bereits auf 200 bis 400 Blauwale geschrumpft. Während die meisten verendeten Wale auf den Meeresboden sanken und von Haien, Würmern, Schnecken und andere Lebewesen gefressen wurden, strandeten zwei auf der Insel.

„Immer wieder fragen mich Menschen, ob das Herz eines Blauwals wirklich so groß wie ein Kleinwagen ist“, erzählt Mark Engstrom. Lange Zeit herrschte darüber Unsicherheit, bis der Wissenschaftler und seine Kollegin Jacqui Miller sich entschieden, das Herz des Blauwal-Weibchens am Strand zu entnehmen, es zu konservieren und so für die Menschheit aufzubewahren.

„Es war doch kleiner, als wir zunächst gedacht haben“, gibt Jacqui Miller zu. Doch kleiner heißt nicht klein. Mit etwa 1,80 Meter Länge und einem genauso großen Umfang würden mehrere Menschen in dem Herz Platz finden. Und die Aorta ist größer als ein Toilettenabflussrohr, was am fast fertigen Plastinat eindrucksvoll zu sehen ist. Was da in einem Wal schlägt, ist ein echtes Kraftwerk. „Mit einem Herzschlag werden etwa 110 bis 115 Liter Blut in die Herzkammer gepumpt“, erklärt Jacqui Miller. Etwa eine Badewanne voll also.

Das riesige Organ, das nach der Entnahme am Strand aussah wie ein Fleischberg, stellte die Wissenschaftler vor Herausforderungen. Um es vor Verwesung zu schützen, wurde zunächst Formalin injiziert. „Und wir haben extra einen Edelstahltank organisiert, um das Herz überhaupt transportieren zu können“, berichtet die kanadische Wissenschaftlerin. Danach wurde es etliche Monate eingefroren.

Engstrom und Miller hatten zu diesem Zeitpunkt Kontakt zu dem amerikanischen Tierarzt Robert Henry von der Lincoln Memorial University in Tennessee aufgenommen, der dort ein kleines Labor für Plastinate hat. Doch er schüttelte den Kopf, als seine Freunde ihn fragten, ob er sich zutraue, das Blauwal-Herz zu plastinieren, Wasser und Fett also durch Kunststoff zu ersetzen. „Ich hätte mir erst das Equipment dafür besorgen müssen“, erzählt der Tierarzt, der aber eine Lösung parat hatte.

Denn er kannte persönlich jemanden in Deutschland: Gunther von Hagens, der mit seinem Plastinarium in Guben nicht nur in Deutschland ein Begriff ist. „Das Labor ist das einzige weltweit, das diese Arbeit machen kann“, betont Mark Engstrom. So wurde das Blauwal-Herz gut verpackt und per Flugzeug und Lastkraftwagen nach Guben gebracht. Etwa ein Jahr ist das jetzt her.

Der einstige Fleischberg hat inzwischen wieder die Kontur eines Herzens. Statt Blut tropft Silikon heraus. „Momentan ist alles noch flexibel und dadurch formbar“, erklärt Rurik von Hagens, Sohn des Plastinators und Geschäftsführer der Einrichtung, den Besuchern. Sie wollen sich das Zwischenergebnis ansehen und entscheiden, wo Löcher in den Herzmuskel geschnitten werden. Sie sollen tiefere Einblicke zulassen, wenn das weltweit einzigartige Plastinat ab Jahresmitte das Herzstück einer Wal-Ausstellung des Royal Ontario Museums sein wird.

„Dieser Auftrag ist etwas Besonderes“, sagt von Hagens. „Bei dieser Größe war es schwer abzuschätzen, wie lange alles dauern wird.“ Zumal es keine Erfahrungen gebe. Beispielsweise war viel mehr Fett in dem Organ, als alle erwartet hatten. „Da kam immer wieder etwas heraus, obwohl wir dachten, es dürfte gar nichts mehr drin sein.“

Mehr als 20 Mitarbeiter waren und sind in den Prozess eingebunden. „Hier darf man nichts falsch machen“, so von Hagens junior. „Dann war es das.“ Der Druck lastete von Anfang an auf dem Team – anders als bei Auftragsarbeiten, die das Plastinarium von Universitäten erhält. Doch der Geschäftsführer ist guter Dinge, dass das Herz in wenigen Monaten die Heimreise antreten wird.

Mark Engstrom und seine Kollegin nehmen das Plastinat genau unter die Lupe. Jacqui Miller hat sich blaue OP-Handschuhe übergezogen und entfernt mit dem Skalpell eine dünne Schicht von der hellbraunen Oberfläche, um weitere Gefäßstrukturen freizulegen. „Es sieht schon sehr gut aus“, findet Bob Henry. „Es ist zwar nicht perfekt, aber das kann es auch nicht sein. Das Herz wurde dem toten Tier erst Wochen später entnommen und war monatelang eingefroren.“

Engstrom ist der Stolz anzusehen. „Es gibt zwar in Neuseeland ein Blauwal-Herz-Modell, doch das ist inkorrekt“, sagt er. „Das hier ist das weltweit erste plastinierte Herz des größten Säugetiers.“ 

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