zur Navigation springen

Als Berliner in der Ostprignitz : Du bleibst eben immer ein Fremder

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Berliner ZDF-Kulturjournalist Christhard Läpple lebt zeitweise in der Ostprignitz und hat jetzt ein Buch darüber geschrieben.

svz.de von
erstellt am 09.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Seit 20 Jahren besitzt der Berliner ZDF-Kulturjournalist Christhard Läpple ein Grundstück in Netzeband, einem kleinen Dorf in der Ostprignitz. Als „Wochenend-Brandenburger“ bezeichnet sich der 58-Jährige. Jetzt hat Läpple ein Buch über sein Dorf geschrieben, es heißt „So viel Anfang war nie“. Der Ort heißt darin allerdings „Herzdorf“. Andreas Förster sprach mit ihm.

Herr Läpple, beginnen wir mit einer Klarstellung: Das „Herzdorf“, in dem Ihre Geschichte spielt, ist eigentlich Netzeband in der Ostprignitz. Stimmt’s? Christhard Läpple: Ich sag mal so: Es ist eine Geschichte, die in einem Dorf spielt, das überall in Ostdeutschland liegen kann. Dass ich es „Herzdorf“ nenne, hat auch eine Schutzfunktion für den tatsächlichen Ort.

Und warum „Herzdorf“? Herzdorf hat es wirklich gegeben. Ich bin darauf in alten Landkarten gestoßen. Der Ort lag mitten im Bombodrom, diesem riesigen Militärübungsgelände in der Kyritz-Ruppiner Heide. In den 1950er-Jahren ist er verschwunden, weil das Militär das Gelände brauchte.

Netzeband liegt am Rande des Bombodroms, „das letzte Tor vor der Hölle“ haben es die Einheimischen bis zur Wende genannt. Sie leben inzwischen dort? Nur an den Wochenenden. Wie viele Berliner haben wir uns einen Fluchtort außerhalb der Stadt gesucht. 1997 bin ich mit meiner Familie dorthin gekommen. Zu dieser Zeit hatte sich das zur Wendezeit verschlafene und heruntergekommene Dorf schon entscheidend verändert. 1994 war das Landhotel eröffnet worden, 1995 die Kulturkirche. Das hat schlagartig alles verwandelt. Theater kam ins Dorf, Besucher aus der Stadt, „buntes Volk“. Überregionale Zeitungen und die ausländische Presse berichteten plötzlich über den kleinen Ort.

War es das, was Sie lockte? Nein. Als Städter suche ich in einem Dorf vor allem Freiheit und Ruhe. Freiheit in dem Sinne, dass da die Landschaft ist, groß und weit. Da gibt es nicht den Druck und Stress wie in einer Großstadt, wo man ständig Termine schaffen muss und ja nichts verpassen darf. Und natürlich treibt uns auch diese Sehnsucht nach Nähe, nach Verbindlichkeit, nach einem Leben ohne Intrigen und Falschheit. Das ist es, was uns, die Städter, aufs Dorf zieht. Eine Illusion. Natürlich, das sind alles Kopfgeburten. Denn das Leben auf dem Dorf ist genauso hart und ungerecht wie anderswo. Auf dem Land wird genauso geschwiegen, wenn man sich nicht mehr versteht, es wird hintenrum übereinander geredet, wenn es Auseinandersetzungen gegeben hat. Als Fremder, Zugezogener hat man es da nicht leicht.

Spüren Sie Ablehnung? Ich würde nicht von Ablehnung sprechen. Der Brandenburger wartet ab. Er hat immer so reagiert: Es kommen neue Zeiten, es kommen neue Herrscher – aber die gehen auch wieder. Dieser Attentismus, dieses Abwarten ist etwas sehr Typisches. Für Fremde aber wirkt das erst einmal verstockt. Und nicht jeder kann sich daran gewöhnen: Eine ehemalige LPG-Melkerin etwa, die auch im Buch auftaucht, erzählte mir, sie sei 1945 als zwölfjähriger Flüchtling in das Dorf gekommen. Am Ende unseres Gesprächs habe ich sie gefragt, wo sie denn bestattet werden will. Nicht hier, hat sie gesagt. Und wieso? Das ist nicht mein Zuhause geworden. Ich will in meiner Heimat begraben werden. Nach 70 Jahren ist die Frau immer noch fremd hier! Das hat mich sehr berührt. So ein Dorf hat seine eigenen Gesetze. Du bleibst eben immer ein Fremder.

Sie haben es geschafft, für Ihr Buch die Einheimischen zum Reden zu bringen. Wie gelang Ihnen das? Das war ein langer Weg. Vertrauen kann man nicht einfordern, das muss man gewinnen. Der Dorfchronist zum Beispiel, ein ehemaliger Staatsbürgerkundelehrer. Ein unglaublich fleißiger Sammler von Geschichte. Der hatte acht, neun, zehn Bände zusammengestellt mit Berichten und Fotos über das Dorf. Ich habe mich zu ihm gesetzt und zugehört, sehr lange. Und er hat mir viel erzählt und mir seine ganzen Schätze geöffnet. Da habe ich begriffen, dass alle großen Ereignisse der letzten 100 Jahre deutscher Geschichte auch – in kleinem Maßstab – in diesem Dorf passiert sind. Mit den Geschichten, die ich von dem Chronisten hatte, bin ich dann zum nächsten gegangen. Dennoch, bei einigen habe ich über zwei Jahre gebraucht, um dann irgendwann in der Wohnstube sitzen zu dürfen.

Der Verlag nennt Ihr Buch ein „erzählendes Sachbuch“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Das ist nur ein Begriff aus der Verlagssprache. Ich sage lieber: Ich habe Stimmen eingefangen. Die Geschichten der einfachen Leute, die oftmals nicht erzählt werden. Anfangs hatte ich versucht, einen Roman daraus zu machen. Es gibt einen Entwurf, aber der ist schrecklich. Das ging nicht. Mein Stil ist eher das Finden als das Erfinden. Und man kann sehr viel finden in einem Dorf. Absolut. Man muss sich nur bücken.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen