Suchtberatung : Drogenseuche in der Lausitz

Ermittler stellten in Südbrandenburg kleinere Mengen Crystal Meth sicher.
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Ermittler stellten in Südbrandenburg kleinere Mengen Crystal Meth sicher.

Suchtberater bekommen es immer häufiger mit Crystal-Meth-Abhängigen zu tun

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01. April 2017, 05:00 Uhr

In Brandenburg gibt es immer mehr Menschen, die von der illegalen Droge Crystal Meth abhängig sind. Das belegen Zahlen und Statistiken der Suchtberatungsstellen. Betroffen ist vor allem der Süden. Der Norden wird von der Droge nach wie vor noch verschont.

Es sind Fälle wie dieser, die Suchtexperten alarmieren. Eine Frau in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) hatte die Leitstelle wegen eines Brandes alarmiert. Ihr Haus stehe in Flammen, soll sie mitgeteilt haben. Als die Feuerwehrleute anrückten, fanden sie die Mutter mit ihren Kindern an einer Bushaltestelle. Nichts brannte. Offenbar eine Wahnvorstellung der Drogenabhängigen.

Auch ein anderer Einsatz stimmt nachdenklich: So hatte ein Raser auf der A 15 bei Cottbus einen Streifenwagen der Autobahnpolizei fast in die Leitplanke gedrängt. Als die Beamten den Fahrer nach mehreren Kilometern stoppen konnten, ging er aggressiv auf sie los und musste gefesselt werden. Die Blutprobe ergab, dass der 29-Jährige neben Alkohol Methamphetamin konsumiert hatte.

Die Droge, Crystal Meth genannt, ist seit Jahren zum ernsthaften Problem in der Lausitz geworden. Konsumenten kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Manager nehmen Crystal, um dem Leistungsdruck auszuhalten, Schichtarbeiter, um durchzuhalten. Alleinerziehende Mütter greifen zur Droge, wenn sie sich mit der Betreuung der Kinder überfordert fühlen. Selbst Politiker wie der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck wurden erwischt.

„Vielen sieht man den Konsum von Crystal Meth zuerst nicht an“, sagt Michael Leydecker, Leiter der Suchtberatung Tannenhof Berlin-Brandenburg. Körperlicher Verfall sei erst nach Jahren sichtbar, wie bei Alkoholsucht. Ein Problembewusstsein entstehe meist erst, wenn Crystal-Abhängige vor den Scherben ihres Lebens stünden.

Die Statistik seiner Suchtberatungsstellen zeigt, wie schnell sich die leistungsfördernde und euphorisierende Droge in der Lausitz ausbreitet. Unter 500 Klienten, die 2016 die Einrichtung in Cottbus aufsuchten, waren fast 70 Crystal-Meth-Abhängige – mehr als doppelt so viele wie 2012. Die gefährlichen Kristalle hätten andere harte Drogen dort schon verdrängt, sagt Leydecker. In Forst hatten im Vorjahr bereits ein Viertel der 111 betreuten Süchtigen ein großes Problem mit Crystal Meth.

Auch in Hilfseinrichtungen in Dahme-Spreewald hatten die Kollegen von Leydecker im Vorjahr 55 Crystal-Meth-Abhängige betreut, doppelt so viele wie 2012. Ein ähnlicher Trend in Senftenberg: In der Suchtberatung des Oberspreewald-Lausitz-Kreises versiebenfachten sich die Fälle seit 2009. Dort steht das Jugendamt vor großen Herausforderungen, da viele Familienkonflikte mit Crystal-Konsum verbunden sind.

Über den „Ameisenhandel“ an der tschechischen Grenze gelange Methamphetamin nach Deutschland, sagt Leydecker. Durch die organisierte Kriminalität werde es auf Großstädte in Sachsen und Thüringen sowie die Lausitz verteilt. Die Dealerströme reichen bis in die Hauptstadt, wo Crystal in der Schwulenszene beliebt sei.

Andere Landesteile Brandenburgs dagegen bleiben weitgehend verschont. „Uns ist hier noch kein Fall eines Crystal-Meth-Abhängigen bekannt“, sagt Jens Wulster, DRK-Suchtberater in Hennigsdorf (Oberhavel). Angesichts der dramatischen Folgen würden Jugendliche die Finger von der Droge lassen. Auch ein Sprecher des Polizeipräsidiums erklärt, dass Crystal Meth fast ausnahmslos in Südbrandenburg sichergestellt worden sei. Zwar registrierten die Ermittler im Vorjahr landesweit 21 Drogentote und somit doppelt so viele wie 2015. „Aber niemand ist an den Folgen von Crystal gestorben“, erklärt der Sprecher.

Angesichts der Probleme wurde 2015 eine ressortübergreifende Expertengruppe im Land gegründet, um Strategien im Kampf gegen die Droge zu entwickeln. Nach den bisherigen Erfahrungen ist die Betreuung der Konsumenten besonders intensiv, da Therapien häufig abgebrochen werden. Zudem sind die körperlichen Schäden oftmals so gravierend, dass ein selbstständiges Leben kaum noch möglich ist.

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