Drehorgeln mit Trompete und Panflöte

Roland Wolf, Sammler von Leierkästen und mechanischen Instrumenten, steht zwischen Drehorgeln von 1890.
Roland Wolf, Sammler von Leierkästen und mechanischen Instrumenten, steht zwischen Drehorgeln von 1890.

Leierkästen und andere mechanische Instrumente früherer Zeiten würde wohl niemand mit Lieberose verbinden. Ein zugereister Sammler will das jetzt ändern

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28. Februar 2020, 05:00 Uhr

Wenn Roland Wolf zur Kurbel greift und eine seiner vielen Drehorgeln zum Klingen bringt, hat der Zuhörer sofort Stummfilme und die Goldenen Zwanziger vor dem geistigen Auge. In diesem Moment gibt es wohl kaum jemanden, dem der Sammler alter mechanischer Musikinstrumente nicht ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Auf diesen Effekt hofft der gebürtige Rheinländer auch für das erste Maiwochenende. Dann veranstaltet der 66-Jährige in seiner neuen Wahlheimat Lieberose (Dahme-Spreewald) ein Drehorgeltreffen.

Rund 20 Enthusiasten, die wie Wolf fasziniert sind von alten Leierkästen, haben sich für den 3. Mai angesagt. Einen Tag zuvor wird Weltenbummler „Drehorgel-Rolf" aus Halle (Sachsen-Anhalt) in Lieberose erwartet, um von seinen Erlebnissen zu erzählen.

Veranstaltungsort ist die Darre. Als Gebäude zum Trocknen von Lebensmitteln gehörte sie einst zum Schloss. Inzwischen hat der rund 60 Mitglieder zählende Förderverein Lieberose sie zum Heimatmuseum und Veranstaltungsort gemacht. Wolf zeigt dort ab Sonntag als Einstimmung auf das Drehorgel-Wochenende im Mai gut zwei Dutzend Instrumente aus seiner Sammlung.

Seine Liebe zu Drehorgeln begann bereits in der Kindheit. „Als Vierjähriger habe ich erstmals einen Mann mit Leierkasten auf der Straße getroffen, lief ihm zweieinhalb Stunden hinterher“, erzählt der Tierpfleger im Ruhestand. Die Drehorgel musizierte von etwa 1840 an für das Volk auf der Straße.

Der Sammler zeigt vor allem Leierkästen in der Ausstellung. Doch auch andere mechanische Musikautomaten aus drei Jahrhunderten werden vorgestellt: Ein kurbelbetriebenes Walzen-Klavier, wie es einst in Bars zu finden war, Polyphone für den gut situierten bürgerlichen Haushalt der Gründerzeit und eine dekorativ bemalte und verschnörkelte Kirmesorgel, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert auf Jahrmärkten zu finden war.

Unter den Exponaten sind auch Kuriositäten wie eine gefüllte Weinbrandflasche aus den 1950-er Jahren, in der sich eine Miniatur-Tanzfigur zur Spieldosenmusik dreht. Ob die Musik nun über Walzen, Notenrollen oder runde Blechplatten mit gestanzten Löchern gesteuert wird, die altertümlichen Automaten begeistern vor allem, wenn sie spielen.

Wolfs Ausstellung hat bis zum 26. April jeweils an den Sonntagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Dann ist er selbst in der Darre und führt Besucher durch seine seit den frühen 1970er Jahren aufgebaute Sammler-Welt. „Ich hatte nie die Geduld, ein Instrument zu erlernen, mag aber diese nostalgische Musik aus den Automaten“, erklärt er seine Begeisterung. „In einigen klingen die Pfeifen wie Klarinetten, in anderen wie Trompeten. Wieder andere erinnern an Panflöten“, sagt der Sammler und kurbelt zum Beweis am jeweiligen Instrument auf vier Rädern.

Nicht jedes musiziert perfekt - bei einem sind die Stimmwirbel etwas ausgeleiert, bei anderen funktionieren die Ventile der Windlade nicht mehr richtig. Experten, die diese alten mechanischen Instrumente reparieren können, gibt es in Deutschland nur noch wenige.

Einer ist Thomas Jansen, wie Wolf ein „Zugereister“ aus Nordrhein-Westfalen, der den großen Teil seiner Sammlung an die Stadt Beeskow (Oder-Spree) verkaufte. Das Musikmuseum auf der Burg ist seit gut zwei Jahren ein Besuchermagnet. Jansen ist schon wieder in aller Welt unterwegs, um alte Musikautomaten zu reparieren. „Ich arbeite für ein Museum in Russland, war gerade in Holland und will demnächst nach China“, erzählt der 66-Jährige, der seine Werkstatt in Lieberose eingerichtet hat.

Dass Wolf ein Drehorgeltreffen in seiner Wahlheimat organisiert, findet Jansen großartig. „Alles, was anderen die Faszination dieser alten Instrumente vermittelt, ist toll“, meint er.

Klein, aber fein, soll das Drehorgeltreffen im Mai sein, betont der Organisator. „Ich will wieder Leben in die etwas verschlafen wirkende Kleinstadt Lieberose bringen, sie aber nicht überfordern“, sagt der 66-Jährige. Sollten viele Besucher kommen, könnte daraus durchaus eine Tradition werden, meint er.

In Berlin gibt es bereits seit vielen Jahren ein internationales Drehorgelfest - in diesem Jahr zum 41. Mal. Vom 3. bis 5. Juli kommen Fans der alten Instrumente dann wieder in der Hauptstadt auf ihre Kosten.

Auf eine Tradition des Treffens in Lieberose hofft auch Dieter Klaue, Vorsitzender des Fördervereins Lieberose, der den Sammler als „Glücksgriff“ für die Stadt bezeichnet. „Mit so einem Event können wir als Verein mit viel Aufsehen in die Veranstaltungssaison starten“, sagt er. Touristen würden vor allem in den Sommermonaten kommen. „Dieses neue Highlight lockt Gäste vielleicht schon früher im Jahr zu uns“, sagt Klaue. Organisator Wolf würde sich freuen, wenn Besucher in historischen Kostümen kämen.

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